KULTUR
Alamierendes Zeichen
von Erich Maletzke.
In den Richtlinien für die Vergabe des Adolf-Grimme-Preises heißt es, die begehrte Ehrung soll an Fernsehproduktionen fallen, die in Form und Inhalt Vorbildliches bieten. Vergeben wird die Auszeichnung vom Verband der Deutschen Volkshochschulen, Namensgeber ist der frühere preußische, später nordrhein-westfälische Kultusminister. Und jetzt droht die Gefahr, dass auch die Macher des RTL-Dschungelcamps den Preis erhalten.
Adolf Grimme, zuletzt Generaldirektor des Nordwestdeutschen Rundfunks, kann sich gegen den Missbrauch seines ehrenwerten Namens nicht mehr wehren, aber wo bleibt ein Aufschrei der Empörung? Vor ein paar Jahren wäre noch ein mächtiger Chor des Protestes zu hören gewesen. Mittlerweile murren nur noch einige überlebende Leser von Neil Postmans Bestseller "Wir amüsieren uns zu Tode".
Was Harald Schmidt als "Unterschichten-Fernsehen" bezeichnet hat, ist inzwischen offenkundig in Richtung Mitte aufgestiegen. Die geradezu in die Höhe geschnellten Einschaltquoten sind ein sicheres Indiz für die Geschmacksverirrung.
Sollte aus der Nominierung tatsächlich ein offizielle Verleihung des Preises werden, muss man sich darauf einstellen, dass durch die Gala auch der ursprünglich als Aushängeschild vorgesehene Alt-Star Helmut Berger stolpert. Vollgedröhnt mit Alkohol und Drogen. Für wen bitte soll er wohl Vorbild sein?
Man kann davon ausgehen, dass sich die Jury bei ihrer Vorentscheidung von den erschreckend hohen Einschaltquoten hat beeindrucken lassen. Hinzu kam Proporz-Denken. Die Kommerz-Sender mussten in irgendeiner Form bei der Vergabe der Einzelpreise berücksichtigt werden. Und groß ist die Auswahl ja nun wahrlich nicht. Diesmal "Ich bin ein Star, holt mich hier raus", demnächst vielleicht "Bauer sucht Frau" und "Bachelor". Wenn der TV- Voyeurismus aus der untersten Geschmacksschublade auch noch preislich belohnt wird, wer weiß, was sich noch alles als "neues Format" erfinden lässt.
Noch ist der Ritterschlag durch die Adolf-Grimme-Jury nicht endgültig vollzogen, sollte er am 12. April wirklich ausgeführt werden, dann wäre dies ein wirklich alarmierendes Zeichen. Und wer wissen will, wie man Fernsehen zugrunde richten kann, der mache einen Besuch in Berlusconis Media-Welt. Dort würde selbst das Dschungelcamp unter Hochkultur rangieren.
Lust auf mehr? Ihre sh:z Tageszeitung jetzt
2 Wochen kostenlos testen.





