SCHLESWIG-HOLSTEIN
Nach dem Unglück
Wie sicher ist der Hindenburgdamm?
Autozug auf dem Hindenburgdamm: Bei einem Unglück haben es Retter schwer, zur Unfallstelle zu kommen. Foto: Staudt / grafikfoto.de
Sylt. Über 120 Züge fahren in Spitzenzeiten täglich von und nach Sylt. Neben Autozügen sind Intercity, Regionalbahnen- und Güterzüge (inklusive Gefahrgut) unterwegs. Einige sind 500 Meter lang, andere mit 1000 Fahrgästen besetzt.
Der jüngste Unfall hat gezeigt: Die Strecke ist für Retter nur schwer zu erreichen, ein größeres Unglück ein Schreckensszenario.
Bereits im Mai 2001 erarbeitete eine Expertengruppe von Bahn, Amt für Katastrophenschutz und Innenministerium ein entsprechendes Papier. Sein Titel: "Gefahrenanalyse/Sicherheits- und Gefahrenabwehrkonzept Hindenburgdamm". Das Ziel der Experten: Im Ernstfall so viele Menschen wie möglich retten. Doch etliche Maßnahmen, mit deren Umsetzung "unmittelbar" begonnen werden sollte, sind bis heute nicht, nur teilweise oder auf groteske Art und Weise verwirklicht worden.
"Muskelkraft betriebene Aluplattformen"
Der Gedanke, einen Rettungsweg auf dem Damm anzulegen, wurde gar nicht erst in Erwägung gezogen, die Idee von Wendeplätzen schon in den ersten Sätzen verworfen: "Die Schaffung von Dammübergängen für Kraftfahrzeuge und die Herrichtung von Wendeflächen im Dammfußbereich, die gleichzeitig als Hubschrauberlandeplätze dienen können, ist auf Grund des vorhandenen Dammprofiles nicht möglich."
Vorgeschlagen wurden Lösungen, wie die Unfallstelle schneller erreicht werden könne. Angedacht war zunächst die Anschaffung eines "Zwei-Wege-Hilfeleistungslöschfahrzeuges". Zwei-Wege bedeutet, dass dieses Fahrzeug nicht nur auf der Straße, sondern mittels zusätzlicher Eisenräder auch auf den Gleisen fahren kann. Beschlossen wurde am Ende jedoch nur die Anschaffung von jeweils zwei Motor getriebenen Rollwagen "zum schnellen Retten von Menschen sowie zum Transport von Einsatzgeräten". Die Wagen sollten auf dem Festland und auf Sylt "missbrauchs- und witterungsgeschützt" stationiert werden.
Nachfrage bei der Feuerwehr in Morsum auf Sylt. Gibt es diese Wagen? Wehrführer Volker Bartling: "Wir haben muskelkraftbetriebene Aluplattformen mit Rädern bekommen." Allerdings liegen diese verpackt im Gerätehaus. Bartling: "Es gibt keine Lagermöglichkeit in Gleisnähe." Der Nutzen ist zweifelhaft. "Das Gerät mit vier Mann auf die Gleise zu heben, dann zu beladen und möglicherweise über Kilometer zur Unglücksstelle zu schieben, würde wertvolle Zeit kosten."
Die Deutsche Bahn AG sollte den Feuerwehren Morsum und Klanxbüll jeweils ein Hochdruck-Feuerlöschgerät HDL 250 mit 120 Meter Schlauch, fünf so genannten Schleifkorbtragen und eine Arbeitsplattform mit Schnellbaugerüst zur Verfügung stellen. Was davon hat die Feuerwehr erhalten? Bartling: "Das Löschgerät haben wir nicht bekommen. Statt der fünf Tragen nur zwei. Die Arbeitsplattform ist da und sehr nützlich, um Waggons zu erreichen. Allerdings passt sie auf keinen Feuerwehrwagen. Wir haben es so organisiert, dass ein Kamerad sie privat mit seinem Pritschenwagen transportieren würde."
Lokomotiven: "ständig vorzuhalten"
Die Experten beschlossen: An den Bahnhöfen von Niebüll und Westerland sollen Hilfszüge für den Notfall "stationiert" werden, die von Loks ("ständig vorzuhalten") zur Unglücksstelle gezogen werden. Über die zwei Personenwagen, mit denen Verletzte transportiert werden sollen, sagt Achim Bonnichsen (42), Zugführer des THW-Ortsverbands Niebüll: "Die gibt es nicht." Bonnichsen ist mit seinen Männern für den so genannten "Einheits-Hilfsgerätewagen" verantwortlich. "Damit können entgleiste Waggons wieder in die Spur gesetzt werden."
Der THW-Mann ist mit dem Gerät zufrieden, kritisiert aber: "Wir würden gerne einmal direkt auf dem Damm üben. Doch das ist nicht möglich, weil die Bahn ihre Hauptschlagader zur Insel nicht blockieren will."
Umgesetzt von dem Papier wurde die Einrichtung von "geeigneten Verletzten-Umladestellen" auf den Bahnhöfen Klanxbüll und Morsum - durch die Herrichtung von befestigten Bahnsteigen.
Lust auf mehr? Ihre sh:z Tageszeitung jetzt
2 Wochen kostenlos testen.






