SCHLESWIG-HOLSTEIN
Tag der Muttersprache
Warum singt Lena nicht auf Deutsch?
Der 21. Februar ist der internationale Tag der Muttersprache. Anlass genug um auf den Wert und die Bedeutung unserer schönen Sprache aufmerksam zu machen.
Die deutsche Sprache ist laut Duden mit 500.000 Wörtern eine der wortreichsten auf der Welt. Zum Vergleich: Das Französische umfasst zirka 100.000 Wörter. In der europäischen Gemeinschaft ist "Deutsch" mit über 100 Millionen Menschen die meistgesprochene Sprache.
Nach einer Umfrage des Instituts für Deutsche Sprache 2009 geben weit über 80 Prozent an, dass ihnen die deutsche Sprache gut bis sehr gut gefällt. Fast 60 Prozent aller Menschen in unserem Land sind stolz auf sie und 47 Prozent empfinden Liebe für ihre Sprache und beschreiben sie als schön, anziehend, logisch aber auch schwierig.
Aber: Zwei Drittel der Befragten sind der Auffassung, dass die deutsche Sprache "immer mehr zu verkommen" droht. Und auch bei über der Hälfte der jungen Generation ist diese Auffassung vorherrschend: 53 Prozent der zwischen 16- und 29-Jährigen teilen die Sorge der Mehrheit. Diese ärgert sich über englische Begriffe wie "Kids", "E-Mail" oder "chatten" und betrachtet die Anglizismen als Beispiel für den Verfall der deutschen Sprache, obwohl sie nur ein Prozent aller Wörter ausmachen.
Doch es hat schleichend, aber nicht ohne Wirkung, eine anhaltende Statusminderung der deutschen Sprache eingesetzt, nicht nur in den europäischen Gremien, sondern auch bei uns, wenn zum Beispiel die Deutsche Forschungsgemeinschaft nur noch Anträge in englischer Sprache annimmt, sogar wenn es um Anliegen von Germanisten geht, wenn die öffentlich-rechtliche ARD Lena zum Grand Prix in Düsseldorf als Vertreter Deutschlands mit einem englischen Lied auftreten lässt, wenn Geschäfte mit "sale" werben, andere "fast food" und "lifestyle" propagieren und wenn weitere Anglizismen wie "notebook" und "high tech" unseren Alltag immer mehr beherrschen, werden all die Menschen ausgrenzt, die dieser Sprache nicht mächtig sind; fast 50 Prozent der Bevölkerung, besonders unsere älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger.
Sprecht endlich wieder "Deutsch"!
Sprecht endlich wieder "Deutsch" sollte unsere Forderung zum Tag der Muttersprache sein - auch an uns selbst! Sprache ist nicht nur ein Mittel der Verständigung und damit Grundbedingung jedweder zwischenmenschlichen Kooperation. Sie ist Grundlage menschlicher Existenz. "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt", wie der Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein es formulierte. Erst durch Sprache können wir die Welt erfassen, wahrnehmen, beschreiben, analysieren und schließlich verändern. Es ist die Sprache, die uns zum zielgerichteten Handeln befähigt.
Die Gemeinsamkeit der Sprache ist auch mit Grundlage unseres Nationalstaats. Sie trägt zur inneren Einheit und zum Zusammenhalt bei. Ohne die Fähigkeit, Gesetze in einer Sprache (oder wie in bi- und multilingualen Ländern in mehreren Sprachen) zu erlassen, die alle verstehen können, kann kein Staat bestehen.
Die deutsche Sprache ist laut des Schlussberichts der Enquetekommission "Kultur in Deutschland" "das prägende Element der deutschen Identität" und Kultur. Ihre Vielfalt und Schönheit zeigt sich nicht zuletzt in den großen und traditionsreichen Werken der deutschsprachigen Literatur. Zudem geben die zahlreichen Dialekte den Regionen ihren unverwechselbaren Charakter. Auch die Minderheitensprachen wie Dänisch, Friesisch und Sorbisch leisten einen wichtigen Beitrag zur Identität, das gilt besonders auch für das Niederdeutsche. Die Beherrschung einer Sprache ist auch die Voraussetzung dafür, an gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Entwicklungen überhaupt erst teilhaben und auf sie einwirken zu können.
Die deutsche Sprache ist auch über Deutschland hinaus bedeutsam. Für rund 100 Millionen Menschen ist Deutsch die Muttersprache, rund 20 Millionen lernen weltweit Deutsch als Fremdsprache. Fast ein Drittel aller Bürgerinnen und Bürger der EU spricht Deutsch (32 Prozent). Mit einem Anteil von 18 Prozent ist Deutsch darüber hinaus die meistgesprochene Muttersprache in der EU.
Von Sprachkritikern wird oft behauptet, es gebe einen Verlust an Sprachbewusstsein in Deutschland und eine große Zahl von Kindern und Jugendlichen habe erhebliche Sprachdefizite - verursacht durch ein Übermaß an Fernsehkonsum und Nutzung anderer elektronischer Medien. Diese Aussagen halten so generell einer genauen Überprüfung nicht stand. Tatsächlich hat sich die Sprachkompetenz deutscher Schülerinnen und Schüler in den letzten zehn Jahren nach Aussage der Pisa-Studien verbessert. Trotz dieses Erfolges müssen die Anstrengungen fortgeführt werden. Denn obwohl der Anteil der so genannten Risikogruppe unter den 15-jährigen Schülerinnen und Schülern, die nur ungenügend lesen und schreiben können, reduziert wurde, liegt er immer noch bei 18,5 Prozent (im Vergleich zu 22 Prozent im Jahr 2000). Verminderte Chancen auf schulischen Erfolg und berufliche Ausbildung sind oft Folgen unzureichender Sprachkompetenz. Gleichwohl ist anzuerkennen, dass gerade von Jugendsprachen und ihren Idiomen wichtige kreative Impulse für Veränderungen und Vitalität unserer Sprache ausgehen.
Gezielte Sprachförderung
Auch nicht alle erwachsenen Menschen in Deutschland beherrschen die deutsche Sprache hinreichend. Dies trifft nicht ausschließlich, aber verstärkt auf Menschen mit Migrationshintergrund zu. Wenn die Landessprache allerdings bestimmten Bevölkerungsgruppen dauerhaft verschlossen bleibt, kann dies die Entstehung von Parallelgesellschaften, die unser Gemeinwesen in Frage stellen, befördern. Nachdem die gezielte Sprachförderung für Migrantinnen und Migranten lange Zeit vernachlässigt worden ist, konnten in den letzten Jahren Erfolge erreicht werden. Sprachstandstests und Sprachförderung im Kindergarten, Integrationskurse und die Verpflichtung für nachziehende Ehegatten, ein Minimum an Deutschkenntnissen im Herkunftsland zu erwerben: Solche Maßnahmen sind noch vor wenigen Jahren von Kritikern reflexhaft abgelehnt worden. Heute sind sie weitgehend Konsens.
Die deutsche Sprache ist eine von 22 gleichberechtigten Amtssprachen und neben Englisch und Französisch eine der drei Arbeitssprachen der EU. Faktisch hat jedoch eine Reduzierung auf zwei Arbeitssprachen - nämlich Englisch und Französisch - stattgefunden. Die Folge ist, dass viele beratungs- und entscheidungsrelevante EU-Dokumente entweder gar nicht oder nur unvollständig in deutscher Sprache vorgelegt werden. Dadurch wird unsere Sprache auf europäischer Ebene zunehmend verdrängt, ein nicht vertretbarer Zustand! Hier muss Deutschland selbstbewusster auftreten.
Im Zuge der Globalisierung hat sich das Englische in der Welt zur Lingua Franca, zur internationalen Verkehrssprache, entwickelt, zu der Weltsprache, die Brücken über Landesgrenzen baut. Mehrsprachigkeit und nicht Einsprachigkeit bereichert die Kultur und Wissenschaft. Praktiziert werden sollte deshalb ein Nebeneinander der englischen "Weltsprache" und der jeweiligen Muttersprache. Diese muss aber auch beherrscht werden, das heißt jedes Kind in Deutschland sollte beim Schuleintritt in der deutschen Sprache zu Hause sein. Ohne verbindliche bundesweit vergleichbare Sprachstandstests für alle Kinder im Alter von vier Jahren wird dieses Ziel nicht erreichbar sein. Bei Bedarf müssen auch verpflichtende und gezielte Sprachprogramme vor der Schule sowie solche, die unterrichtsbegleitend während der Schulzeit laufen, stattfinden. Hier leisten tausende von Lehrern und Erziehern oft unter schwierigen Bedingungen eine überaus anerkennenswerte Arbeit. Auch Theaterspielen und gemeinsames Singen in Schulen, Volkshochschulen oder auch der Jugendarbeit fördern den Spracherwerb und sollten deshalb stärker unterstützt werden. Das gilt auch für die Förderung der deutschen Sprache, im Bereich der Integration von Migrantinnen und Migranten. Sie ist Voraussetzung für Bildung und Ausbildung, für Integration in den Beruf, für Partizipation und sozialen Aufstieg. Sprachförderung darf sich aber nicht nur auf die Heranwachsenden beschränken, da der wichtigste Erfolgsfaktor für deren Spracherwerb die Sprachkompetenz der Eltern ist. Hier leisten viele Bürger auch in unserer Region, in Vereinen und Lese initiativen eine anerkennenswerte Arbeit.
Vielfalt dient der Vitalität
Wer unsere Sprache in ihrer Vielfalt erhalten will, der muss auch die öffentlich-rechtlichen und die privaten Rundfunkanstalten, Verlage und Wirtschaftsunternehmen einbeziehen. Sie sollten sich ihrer Vorbildfunktion noch stärker bewusst werden. Das gilt auch für die Politik. Nicht selten werden Gesetzestexte und Verordnungen in schwer verständlicher Sprache abgefasst. Und zu oft debattieren wir Abgeordneten abgehoben in einer "Berufssprache" und erreichen damit die Menschen, die wir zu vertreten haben, nicht mehr. Als Mitglied der Enquetekommission "Kultur in Deutschland" trete ich für eine durchgängige Verwendung der deutschen Sprache etwa in Beschilderungen, Leitsystemen, Beschriftungen in öffentlichen Gebäuden, Bahnhöfen und Flughäfen ein. Neben der oft verwendeten englischen Sprache soll die deutsche Sprache in verständlicher Weise zwingend genutzt werden. Das gilt auch für die europäischen Gremien. Die europäischen Institutionen müssen die vollständige und ausnahmslose Gleichberechtigung des Deutschen als Arbeitssprache akzeptieren und praktizieren. Die Stärkung der deutschen Sprache schließt dabei die Anerkennung und Förderung von Minderheitensprachen in Deutschland und die Pflege von Dialekten und Regionalsprachen mit ein. Die Vielfalt dient der Vitalität von Sprachen ebenso wie ihrer Weiterentwicklung.
Unsere Sprache ist das zentrales Binde- und Integrationsmittel unserer Gesellschaft; sie ist Voraussetzung für das Funktionieren unserer Demokratie und Grundelement unserer kulturellen Identität. Sie zu pflegen und zu erhalten, sollte uns deshalb eine Verpflichtung sein.
Unsere Sprache ist das prägendste Element deutscher Identität. Mehrsprachigkeit befürworten wir, doch jeder interkulturelle Dialog - und hier möchte ich Roman Herzog zitieren - wird zum Geschwätz, wenn kein Selbstbewusstsein von der eigenen Kultur vorhanden ist.
Deutsch gehört - gerade noch - zu den zehn weitverbreitetsten Sprachen unserer Welt. Tragen wir alle dazu bei, dass es dabei bleibt.
Es begann in Pakistan: der Unesco-Tag der Muttersprache
Der Internationale Tag der Muttersprache wurde 1999 von der Unesco proklamiert und erstmals im Jahr 2000 begangen. Der Tag will auf Notwendigkeit und Nutzen der Förderung sprachlicher und kultureller Vielfalt aufmerksam machen.
Am 21. Februar 1952 fand in Dhaka, der Hauptstadt des damaligen Ost-Pakistan, eine Demonstration gegen den Beschluss der Regierung statt, die Sprache Urdu zur Amtssprache zu erheben. Urdu wurde nur von etwa drei Prozent der Bevölkerung gesprochen, während über 56 Prozent der Gesamtbevölkerung West- und Ost-Pakistans Bengali (Bangla) als Muttersprache pflegten.
Auf Initiative des Flensburger Abgeordneten Wolfgang Börnsen (Bönstrup) veranstaltete die CDU/CSU-Bundestagsfraktion einen Kongress zum Thema "Sprache ist Heimat" in Berlin. An der Veranstaltung nahmen unter anderem die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, die Opernsängerin Edda Moser und der Journalist Prof. Dr. Hellmuth Karasek teil.
Der Autor
Wolfgang Börnsen ist Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Flensburg-Schleswig und Kultur- und Medienpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.
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