Nach dem Archiv-Einsturz
Schleswiger Asyl für geschundenes Kölner Papier
Kurz vor der Abreise in andere Städte: Die Archivalien, die aus der Einsturzstelle geborgen wurden, werden im Kölner Erstversorgungszentrum getrocknet. Fotos: Schulte
Schleswig / Köln. Die ersten Kartons sind da. Rainer Hering, Leiter des Landesarchivs Schleswig-Holstein, hat sie in der vergangenen Woche in Empfang genommen, weitere werden folgen. Schleswig nimmt einen Teil der geborgenen Archivalien aus dem zerstörten Kölner Stadtarchiv auf. "Archiv-Asyl" nennen es die Kölner. Das klingt sarkastisch, aber auch nach Rettung.
Vor vier Monaten ist in Köln eine Welt zusammengebrochen, die Stadt ist seitdem verwundet, direkt im Zentrum. In der Severinstraße, kaum einen Kilometer vom weltberühmten Dom entfernt, hat sich am 3. März die Erde aufgetan und ganze Gebäude verschluckt. Es waren Bilder, die man zuletzt nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Stadt am Rhein gesehen hatte: ein riesiger Krater, schuttbedeckte Straßen, zertrümmerte Autos. Zwei Menschen kamen bei dem Einsturz ums Leben.
30 Kilometer Akten verschwanden in Dreck und Schlamm
Und die Stadt verlor ihr kollektives Gedächtnis, 30 Kilometer Akten versanken mit dem Archivgebäude in Dreck, Wasser und Schlamm. 65.000 Urkunden, mehr als 100.000 historische Karten, eine halbe Million Fotos. Einzigartige Dokumente der Hanse, zu deren Gründerstädten Köln ebenso zählt wie Lübeck, waren darunter und gesammelte Nachlässe wie der von Heinrich Böll, der kurz vor der Katastrophe von der Familie des Nobelpreisträgers an das Archiv übergeben wurde.
Seit dem Unglückstag läuft in Köln die Suche: nach den Verantwortlichen für die Katastrophe und nach den wertvollen Archivalien.
Große Bagger schaufeln aus der trüben Brühe alles, was auch nur entfernt wie Papier aussieht. Verschlammte Klumpen, die zum Teil über tausend Jahre alte Dokumente enthalten. Was vor der Katastrophe vorsichtig mit spitzen Archivaren-Fingern angefasst wurde, ist jetzt verklebt und riecht nach Moder. Jedes Buch, jede Akte, jedes einzelne Blatt Papier wird nach der Bergung mit einem Gartenschlauch abgespült, in Zellophan gehüllt und eingefroren. Helfer aus ganz Deutschland, sogar aus dem Ausland, sind gekommen - sie alle versuchen zu retten, was überhaupt noch zu retten ist. Auch das Schleswiger Landesarchiv hat Mitarbeiter geschickt.
"85 bis 90 Prozent der Archivalien haben wir aus der Grube rausgeholt", sagt Andrea Wendenburg. Sie ist Mitarbeiterin des Kölner Stadtarchivs und an diesem Nachmittag Archivar vom Dienst im Erstversorgungszentrum (EVZ) in Köln-Porz. Dort, in einer großen Halle, wird das Papier, das in der Severinstraße der Erde abgerungen wird, aufgetaut, getrocknet und gesäubert. Erste Hilfe, mehr ist derzeit nicht möglich.
"Er rief nur 'Raus hier!'"
Andrea Wendenburg war im Archiv, an dem Tag des Unglücks. Gegen 14 Uhr war der Haustechniker in den Flur gestürmt. "Er rief nur 'Raus hier!' und wir hörten an seiner Stimme, dass es ernst war." Wendenburg lief nach draußen. Als sie sich umdrehte, sah sie das sechsstöckige Gebäude einstürzen.
Die junge Frau redet über diesen Tag, als sei er bereits Jahre her. Die Arbeit verdrängt die Erinnerung, und Arbeit gibt es genug. "Es wird nichts weggeworfen und nichts gelesen", sagt sie. Die Zeit drängt, feuchtes Papier ist nicht sehr geduldig.
Vor ihr auf dem Tisch liegt eine Akte, deren einzelne Seiten aussehen, als seien sie von einem Untier zerkaut und wieder ausgespuckt worden. Die Seiten sind zerrissen und ineinander verdreht. Wendenburg dreht den Papierklumpen in den Händen; es ist nicht zu erkennen, um was für ein Dokument es sich handelt.
Vorsichtig bürstet die Archivarin Schuttreste und Staub von den Seiten, dann legt sie das Schriftstück zu den anderen in eine blaue Wanne. Ungeordnet, System ist ein Relikt aus der Zeit vor der großen Katastrophe. Ein dünner Schleier hängt in der Luft, sie ist staub-schwanger, wer hier arbeitet, muss Schutzanzug und Atemmaske tragen. "Auch deshalb ist diese Arbeit körperlich wahnsinnig anstrengend." Die Helfer sind immer nur wenige Tage im Einsatz.
Die Kisten werden nicht geöffnet
Ein Stockwerk höher werden die Wannen wieder entladen, die Archivalien auf Rollwagen gelegt und in die Trockenkammer gefahren. "Der Schimmel ist der größte Feind des Papiers, alles muss restlos trocken sein", sagt die junge Frau. Ihre Bewegungen wirken mechanisch, die Handgriffe sind seit Monaten die gleichen.
In der Severinstraße sind derweil die Bergungsarbeiten unterbrochen worden, zu tief wurde schon gegraben, niemand will ein erneutes Abrutschen der Erdmassen riskieren. Im EVZ aber stapeln sich die Kisten, bis an den Rand gefüllt mit Papier. Sie werden auf Archive in ganz Deutschland verteilt. Wer Kapazitäten hat, der bekommt seinen Teil des Kölner Chaos. In unscheinbaren, grauen Kartons, nur mit vier oder fünfstelligen Zahlen beschriftet. Rainer Hering vom Landesarchiv in Schleswig weiß nicht, was seine Kästen enthalten, er wird sie nicht öffnen: "Das ist Sache der Kölner." Wann die Dokumente - insgesamt ein Regalkilometer - wieder an den Rhein zurückkehren, kann niemand sagen. "Frühestens in fünf Jahren werden wir ein neues Archivgebäude haben", sagt Wendenburg.
Mit der Wiederherstellung der Dokumente soll schon vorher begonnen werden. Sie wird Jahrzehnte dauern. Aber das will derzeit niemand offiziell bestätigen. Zunächst geht es nur ums Archiv-Asyl, um ein trockenes und sicheres Plätzchen für das geschundene Papier.
Lust auf mehr? Ihre sh:z Tageszeitung jetzt
2 Wochen kostenlos testen.






