SCHLESWIG-HOLSTEIN
Uni Kiel
Säure frisst Buch: Bibliotheken in Not
Dunkle Ränder auf dünnem Papier: Anja Steinhauer zeigt eine von Säure zerfressene Ausgabe von Ibsens "Dramatische Werke". Foto: Dewanger
Kiel. Die "Dramatischen Werke" von Henrik Ibsen sind ein hoffnungsloser Fall. Mit großer Vorsicht blättert Anja Steinhauer (41) durch die vergilbten Seiten, auf denen sich dunkle Ränder gebildet haben. Das Papier ist so dünn, dass es bei jedem Handgriff reißen könnte. "Hier kommt jede Hilfe zu spät", sagt die Buchbindemeisterin der Kieler Universitätsbibliothek. Ibsens frühe Ausgabe von 1909 wird ein Schicksal er eilen, das vielen Büchern der Bibliothek droht: der schleichende Zerfall.
Für Ibsen ist das pures Pech. Der norwegische Autor lebte zur falschen Zeit: von 1828 bis 1906. Die frühen Ausgaben seiner älteren Kollegen Friedrich Hölderlin (1770-1843) und Andreas Gryphius (1616-1664) beispielsweise haben deutlich bessere Chancen, das 21. Jahrhundert unbeschadet zu überstehen. Absurd eigentlich. Im Vergleich zu Hölderlins "Hyperion" oder Gryphius’ Gedichtsammlung ist Ibsens "Meerfrau" schließlich noch taufrisch. Der Grund für den - natürlich rein physiologischen - Untergang seiner Werke liegt in der industriellen Entwicklung. Und damit in der Massenproduktion von Papier. "Das beste Papier gab es im 15. und 16. Jahrhundert", erklärt Steinhauer. Damals wurde es noch aus Lumpen hergestellt. Bereits im 17. Jahrhundert begann dann die Tendenz zu immer säurelastigeren Herstellungsmethoden, die schließlich im 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt fanden: Die Lumpen wurden durch den billigeren, aber auch extrem säurehaltigen Holzschliff ersetzt. Erst in den 1960er-Jahren erkannte man die Folgen dieses Wechsels: Im Laufe der Jahrzehnte frisst sich die Säure durch die Bücher, nagt an den Seiten, löst sie auf.
90 Prozent der Bücher vom Verfall bedroht
90 Prozent der zwischen 1850 und 1970 gedruckten Bücher in der Kieler Universitätsbibliothek sind damit vom Zerfall bedroht. Um zumindest einen Teil von ihnen zu retten, lässt die Bibliothek Bücher seit drei Jahren in der Leipziger Preservation Academy entsäuern. Hier werden die Werke tiefgefroren und dann in einem gasförmigen Lösungsmittel getränkt. Die Prozedur dauert vier Stunden. Bevor sie die Heimreise nach Kiel antreten, werden die Bücher so lange in einem Raum gelagert, bis der chemische Geruch verflogen ist. 3500 Bücher haben dieses aufwändige Verfahren, das pro Buch etwa zwölf Euro kostet, hinter sich. Weitere 1900 Werke folgen Ende September.
In diesen Tagen steigen Anja Steinhauer und ihre beiden Mitarbeiterinnen ins Magazin am Westring hinab, um beschädigte Bücher durchzusehen, ihren Papierzustand in einer Tabelle zu vermerken und jene Exemplare zu verpacken, die entsäuert werden können und müssen. Klára Erdei, die als Leiterin der Abteilung Bestandserhaltung das Prozedere organisiert, erklärt die Auswahlkriterien: "Jede Bibliothek setzt Schwerpunkte. Wir haben den Auftrag, skandinavische Bücher zu sammeln. Die lassen wir zuerst entsäuern." Wäre eine Digitalisierung der Bücher eine Alternative zur Entsäuerung? Erdei: "Die Langzeitarchivierung wirft noch zu viele Fragen auf. Außerdem bilden Form und Inhalt eine kulturgeschichtliche Einheit. Die kann eine gescannte Seite auf dem Bildschirm einfach nicht ersetzen."
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