SCHLESWIG-HOLSTEIN
Lyriker Jan Wagner
Quittengelee und Schäfchenwolken
Eckernförde. In einem Gedicht des mit dem Wilhelm-Lehmann-Preis ausgezeichneten Lyrikers Jan Wagner heißt es, "wir pflückten quitten, wuchteten körbeweise/gelb in die küche." Es folgt das Einmachen, "schemenhaft im dampf des entsafters", schließlich der Blick auf das fertige "gelee, in bauchigen gläsern", aufbewahrt "in einem keller von tagen, wo sie/leuchteten, leuchten."
Vermutlich gibt es nicht viele Gedichte, in denen von einem Entsafter die Rede ist. Wagner aber beobachtet gern Alltägliches. "hinter dem tresen gegenüber der tür/das eingerahmte foto der fußballmannschaft", lautet eine Zeile in "gaststuben in der provinz", und selbst ein Teebeutel wird zum Gegenstand eines kurzen Gedichts:
"nur in sackleinen gehüllt, kleiner eremit in seiner höhle.
nichts als ein faden
führt nach oben. wir geben
ihm fünf minuten."
Zwei Haikus, zweimal fünf, sieben und wiederum fünf Silben, wie selbstverständlich und mit fast spielerischer Leichtigkeit vorgetragen, halten einen vertrauten Vorgang fest. Das sprachliche Bild - der Teebeutel als Einsiedler - überrascht. Ist das Gedicht eine Meditation über die Zeit? Der "nach oben" führende Faden scheint auf eine andere Welt hinzudeuten; die alltägliche Umgebung ist plötzlich eine andere.
Ein "schönes Paradox"
Solche Veränderung unserer gewohnten Wahrnehmung gelingt Wagner immer wieder, denn er belässt es nicht bei der genauen Benennung des Beobachteten, und Anschaulichkeit allein ist nicht sein Ziel. Manchmal haben seine Einfälle etwas Aphoristisches: "schafe sind wolken, die den boden lieben", heißt die erste Zeile des Gedichts "shepherd's pie"; der letzte Vers kehrt den ersten um: "wolken, die schafe sind, vom wind getrieben." Eher beiläufig werden Himmel und Erde miteinander verknüpft, das anschauliche Bild wandelt sich fast unmerklich in etwas anderes. So geläufig uns die Vorstellung von "Schäfchenwolken" sein mag, hier wirkt die Metapher frisch und verändert das Erscheinungsbild der Welt. "Poesie ist Wahrnehmungskunst", sagte Uwe Pörksen, einer der Juroren, die Jan Wagner für den Wilhelm-Lehmann-Preis auswählten, in seiner Laudatio auf den jungen Lyriker.
Er hob den Formenreichtum der Gedichte hervor, dem man das Vergnügen des Dichters am Handwerklichen anmerke. "Die Form ist ein Halt, die Grundlage veränderter Aufmerksamkeit", sagte Pörksen weiter, einen Gedanken aufnehmend, den Wagner so formuliert hat: "Das schöne Paradox ist ja, dass mit diesen vermeintlich einengenden Formen ein Gewinn an Bewegungsmöglichkeiten einhergeht, sie also ein Korsett sein können, in dem sich besonders gut atmen lässt - nicht zuletzt auch deshalb, weil die gedanklichen und bildlichen Prozesse in ganz neue und unvermutete Bahnen gelenkt werden [...]". Dabei erkennt man die Form seiner Gedichte zumeist erst auf den zweiten Blick, denn gewöhnlich bleibt sie unauffällig, selbst dort, wo es sich um so komplizierte (und seltene) Strophenformen wie die Sestine oder die sapphische Ode handelt. Auch Reim und Rhythmus drängen sich nicht vor; durchweg bleibt der Eindruck gesprochener Sprache gewahrt.
Nicht nur in der Genauigkeit der Wahrnehmung erinnern Jan Wagners Gedichte an die des großen Lyrikers und Essayisten aus Eckernförde. Wie Lehmann nimmt er die Welt ernst, auf die er schaut. Die Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft ist zur Wahl ihres ersten Preisträgers zu beglückwünschen.
Von Jan Wagner erschien zuletzt Achtzehn Pasteten. Gedichte.Berlin Verlag, 2009, 2. Auflage
Lust auf mehr? Ihre sh:z Tageszeitung jetzt
2 Wochen kostenlos testen.






