SCHLESWIG-HOLSTEIN
Selma Meerbaum-Eisinger
Popstars feiern früh verstorbene Lyrikerin
Stellvertretend für Selma auf der Bühne: David Klein, Thomas D, Joy Denalane, Stefanie Kloß, Hannelore Elsner und Volkan Baydar (von links). Foto: Lukas
Hamburg. Ach, Selma! Träumerische Gedichte über den Frühling, die Liebe und das Glück hinterlässt sie uns, geschrieben 1940/41 im Czernowitzer Ghetto. Rührend naiv klingen die Reime der Fünfzehnjährigen. Doch ihre Worte sind so feinsinnig und ihre Bilder so eindringlich wie von einer reifen Dichterin.
Kein Wort über die Bedingungen, unter denen sie entstanden. Bis auf das letzte der 57 erhaltenen Gedichte, die ihrer Jugendliebe gewidmet sind: "Das ist das Schwerste: sich verschenken und wissen, dass man überflüssig ist, sich ganz zu geben und zu denken, dass man wie Rauch ins Nichts verfließt." Mit rotem Stift notierte sie eilig daneben: "Ich habe keine Zeit gehabt, zu Ende zu schreiben". Selma Meerbaum-Eisinger starb im Dezember 1942 im Arbeitslager Michailowka in der Ukraine.
"Dies soll keine Betroffenheitsveranstaltung sein", verkündete David Klein, nachdem er und sein David Klein Sextett das Konzert mit einer schnellen "Speedy Hora" eröffnet hatten. Zusammen mit ihrem Publikum wollten das David Klein Sextett, das Orchester der Musikhochschule Lübeck, Thomas D (Die Fantastischen Vier), Stefanie Kloß (Silbermond), Sarah Connor, Joy Denalane, Volkan Baydar (Orange Blue) und Hannelore Elsner Selma feiern. Feiern, dass ihre Gedichte erhalten wurden, und 2000 Menschen in der Hamburger Laeiszhalle zusammen gekommen waren, um sie zu hören.
Was dann folgte - es machte betroffen.
Es schmerzt, Selmas Lyrik, interpretiert von eindrucksvollen Stimmen, zu hören und zu wissen: Fünfzehn, sechzehn Jahre war sie alt, als sie dies schrieb. Voller Ideale, Lebenshunger und Liebe. Nichts von dem, was sie in ihren Gedichten erträumte, durfte sie erleben.
Hannelore Elsner machte das Publikum mit Selmas Lyrik vertraut. Jugendliches Staunen lag in der Stimme der Schauspielerin, die auf die Welt kam, als Selma Meerbaum-Eisinger starb. Von warmer Spätnachmittagssonne und zwitschernden Vögeln schwärmt sie, von blauem Abendlicht und kühler, weicher Luft. Stefanie Kloß durfte die erste von David Kleins einfühlsamen Vertonungen singen. Ganz zart, ganz fragil, ganz Gänsehaut klingt die Silbermond-Frontfrau. Konnte man Selma näher sein als in diesem Moment?
Auch im "Schlaflied für die Sehnsucht" wird geliebt und geträumt
Volkan Baydar erntete anschließend nicht nur kräftigen Applaus, der Popsänger wurde für seine gefühlige Darstellung sogar mit Jubel und Pfiffen bedacht. Joy Denalane schraubte ihre Stimme in ungeahnte Tiefen hinab, um Selmas dunkle Seite zu zeigen. Auch im "Schlaflied für die Sehnsucht" wird geliebt und geträumt. "Doch dann - das Erwachen, Geliebter, ist Grauen…"
Sarah Connor kam im Tütü-Kleidchen mit Trauerflor, um vom Glück zu singen. "Kommt es zurück? Nie zurück." Stakste hochhackig und rehbeinig davon, um nicht einmal zum Schlussapplaus auf der Bühne zu erscheinen. Schließlich fehlte nur noch einer auf der Bühne: Thomas D. "Stefan Zweig" hieß sein Gedicht, dessen vorwärts stürmende Verse sich gut im Fanta-Vier-Rhythmus sprechen ließen. Doch handelt es wirklich von Stefan Zweig?
Nach dem fast beklemmend intimen Programm meint man, Selma charakterisiere sich selbst: "Leuchtendes, glühendes, rauschendes Leben springt an und reißt mit und lässt keinen mehr los… Schreit dich an, lacht dich an, weint dich an: das bin ich!" Ach, Selma!
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