SCHLESWIG-HOLSTEIN

 

Theater Hamburg

Paula ist stolz auf das "Etikett der Nutte"

20. Juni 2009 | Von Dagmar Leischow

Sie sind keine Schauspieler, sondern Prostituierte. In der Inszenierung "Dreamdoll" kommen sie zu Wort - und geben den Blick hinter die Kulissen des sündigen Geschäfts frei.

Hamburg. Rosa ist eine hübsche junge Frau. Große braune Augen hat sie, schulterlange dunkle Haare, eine zierliche Figur. Sympathisch wirkt sie, witzig, wie eine, mit der man stundenlang reden kann. Kurzum: Sie entspricht kein bisschen dem Bild, das sich der Durchschnittsbürger von einer Prostituierten macht. Trotzdem hat sie sich entschieden, sich "als Lustbereiterin zu erproben".

In einer Videoprojektion erzählt sie bei der Uraufführung von "Dreamdolls" im Hamburger Club Uebel & Gefährlich aus ihrem Leben. Leider verstehen die Zuschauer nicht alles, was sie sagt, weil ihre Worte zeitweise von Musik überblendet werden. Doch das ist das einzige Manko von Maria Magdalena Ludewigs Inszenierung. Vier Monate lang interviewte die Regisseurin Frauen zwischen Anfang und Ende 20 aus dem Berliner Rotlichtmilieu. Sechs Huren brachte sie dazu, auf der Bühne ihre Erfahrungen zu schildern. Keine von ihnen wurde zur Prostitution gezwungen, alle entschieden sich freiwillig für das älteste Gewerbe der Welt. Weil sie das schnelle Geld reizte. Oder sie Lüste ausleben wollten.

Doktorspiele

Wie ein Voyeur beobachtet das Publikum, wie sich ein Freier bei Doktorspielen befriedigen lässt. Wie Ayko als Teenager am Telefon sexuell belästigt wird. Es begegnet Mareike, der Tochter aus gutem Hause, die lieber im Puff arbeitet, statt Akademikerin zu werden. Paula nennt sie sich in ihrem Job, sie ist "stolz auf das Etikett Nutte". Jede Frau hat eben ihre eigene Persönlichkeit. Die eine genießt es, zum Objekt zu werden, die andere dominiert lieber. Eine Dritte verliebt sich und stellt fest, dass durch ihre Arbeit die Glaubwürdigkeit ihrer Zärtlichkeit verloren hat. Eine Studentin traut sich nicht, ihr Coming-Out als Hure zu wagen. Und Rosa? Sie hatte sich verliebt, war ausgestiegen, heute führt sie ein Doppelleben.

Am Ende des 100-minütigen Abends steht die Erkenntnis: Es gibt die unterschiedlichsten Erlebniswelten in der Prostitution. Wer sich freiwillig für diese Profession entscheidet, muss nicht zwangsläufig ein Opfer sein. Die sechs "Dreamdolls" sind intelligent, attraktiv, sie wissen genau, was sie wollen. Wir müssen sie gewiss nicht bemitleiden oder mit dem Finger auf sie zeigen. Gleichwohl ist nicht jeder so selbstbestimmt wie sie. Am Monatsende 3000 Euro netto auf dem Konto zu haben, ist keine Selbstverständlichkeit. Bis heute gibt es Frauen, die im Sexgewerbe menschenverachten ausgebeutet werden.

Weitere "Dreamdolls"-Vorstellungen: 20., 21., 25.-27. Juni, 20 Uhr, Hamburg, Uebel & Gefährlich.


 

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