PANORAMA
Verkehrskollaps
Norderstedt droht am eigenen Erfolg zu ersticken
Der politische Streit über Verkehrskonzepte dauert bereits Jahrzehnte, die Stadtvertretung beginnt und beendet je nach Mehrheit die verschiedensten Pläne. Zuletzt legte eine Vier-Parteien-Allianz aus SPD, Grünen, FDP und Linken den Plan für eine Ortsumgehung im Stadtteil Garstedt samt Autobahnanschluss zu den Akten, den die CDU zuvor bei Land und Bund ausgehandelt hatte.
"Es gibt keinen Plan B", sagt SPD-Stadtvertreter Jürgen Lange und wirbt stattdessen für das Konzept eines Straßenringes um die Stadt im Kreis Segeberg, die mit ihrer Wirtschaftskraft und 73.000 Einwohnern zu den tragenden Säulen Schleswig-Holsteins zählt. So solle der Lastwagenverkehr aus den Wohngebieten herausgehalten und zu den nördlich und südlich der Stadt gelegenen Anschlüssen der A7 (Hamburg- Flensburg) geführt werden, erläutert der Vorsitzende des Planungsausschusses. Die Anschlussstellen Schnelsen Nord und Quickborn liegen allerdings gut zehn Kilometer auseinander. "Norderstedt ist nicht direkt angebunden und krankt daran, dass es keine Erschließung in der Stadtmitte gibt", argumentiert der CDU- Stadtvertreter Arne-Michael Berg.
Vier Prozent mehr Einwohner bis 2020
Norderstedts Erster Stadtrat Thomas Bosse muss jetzt neu über den Verkehr nachdenken. "Wir werden das diskutieren müssen", sagt der Baudezernent. Einfacher wird die Situation nicht. "Wir bleiben Zuzugsregion." Bis 2020 sollen noch einmal vier Prozent Einwohner hinzukommen. Im Stadtteil Friedrichsgabe wird gerade ein großes Gebiet, der Frederikspark, neu bebaut und auch in Garstedt laufen Planungen für ein umfangreiches Städtebauprojekt.
Jens Kahlsdorf und Leon van den Bergh vom Unternehmerverband Alster Business Club (ABC) haben neben Kommunalpolitikern den Präses der Industrie- und Handelskammer Lübeck, Bernd Jorkisch, zu einer Diskussion eingeladen, um die Debatte über eine Lösung der Verkehrsprobleme am Leben zu halten. Jorkisch wirbt für den Autobahnanschluss und appelliert an die ehrenamtlichen Kommunalpolitiker, auch über den Tellerrand zu gucken, um die Vorteile für die gesamte Metropolregion zu sehen. "Allein der Güterfernverkehr wird um 100 Prozent wachsen." Die A7 sei in den 60er Jahren unter völlig anderen Voraussetzungen geplant worden. Maren Plaschnick von den Grünen lässt das ungerührt. "Ich bin Norderstedter Stadtvertreterin und vertrete die Interessen Norderstedts." 90 Prozent des Verkehrs in der Stadt seien innerörtlich und da helfe kein Autobahnanschluss, sagt sie.
"Lärmschutzwände wären billiger und besser."
Miro Berbig von den Linken sieht das ähnlich und stimmt mit Plaschnick auch in der Einschätzung überein, dass der Individualverkehr ohnehin seinen Höhepunkt erreicht habe und hier künftig nicht mehr mit Wachstum gerechnet werden müsse. Dieser Argumentation hält Stadtrat Bosse die Erwartung weiter steigender individueller Mobilität entgegen. "Mit einem Rückgang ist nicht zu rechnen", sagt er.
Der FDP-Stadtvertreter Klaus-Peter Schroeder hält von der Idee eines weiteren Autobahnanschlusses vor allem deshalb nichts, weil der Verkehr keine Möglichkeit hätte, sinnvoll durch die Stadt zu kommen - schlicht weil es an leistungsfähigen Straßen fehlt. Unterstützung kommt in diesem Punkt vom ehemaligen Baudezernenten Jürgen Meßfeld, der von "Karnickelwegen" durch Norderstedt spricht und sich einen Autobahnanschluss nicht im Stadtteil Garstedt sondern weiter nördlich wünscht. Eine Umgehung des alten Dorfes Garstedt sei nicht sinnvoll. "Lärmschutzwände wären billiger und besser."
Meßfeld erinnert an seine Amtszeit, als in den 80er Jahren bereits einmal die Pläne für eine Querung der langgestreckten Stadt mit Anschluss an die A7 fertig und sogar im Bundesverkehrswegeplan finanziert waren. Auch damals änderten sich die Mehrheiten und das Projekt verschwand in der Schublade.
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