SCHLESWIG-HOLSTEIN
Rechtsstreit
Neonazi-Anwalt wirft Bauern vom Hof
Sieht sich im Recht: Ex-Landwirt Klaus-Hermann Christiansen droht die Zwangsräumung aus seinem ehemaligen Hof im nordfriesischen Ockholm. Fotos: Dewanger
Ockholm. Er lässt sich nicht viel gefallen: Klaus-Hermann Christiansen (56), Bauer im Hauke-Haien-Koog im nordfriesischen Ockholm, hat bereits viele Streits hinter sich. Mit zwei Banken, mehreren Anwälten, Nachbarn und einer Telefongesellschaft hat er sich inzwischen überworfen. Doch das Leben ging weiter. Bis jetzt. Denn der Landwirt hat sich auch jemanden zum Feind gemacht, an dem er sich wohl die Zähne ausbeißen wird - Jürgen Rieger (62), Neonazi-Anwalt in Hamburg. Der NPD-Funktionär kann den Nordfriesen ab dem 1. Mai sofort von Haus und Hof jagen - per Urteil des Husumer Amtsgerichtes.
Bereits zum Jahrtausendwechsel hatte Rieger, der seit Jahren mit Immobiliengeschäften in Norddeutschland für Aufregung sorgt, den Hof in Ockholm aus einer Zwangsversteigerung erworben. Ein Vorgang, den die Öffentlichkeit erst acht Jahre später wahrgenommen hat - als Bauer Christiansen das Wasser bis zum Hals stand.
Auf Empfehlung des "Deutschen Rechtsbüros"
An dem Dilemma ist der Landwirt allerdings nicht ganz unschuldig: Hat er sich doch den rechtsextremen Anwalt selbst ins Haus geholt. Damals, Ende 1999, als er mit seinem Betrieb "wegen schlechter Ernten und Tierseuchen" kurz vor dem Aus stand. Darlehen habe er nicht mehr zahlen können, berichtet Christiansen. Eine erste Zwangsversteigerung Anfang der 1990er-Jahre habe der mittlerweile arbeitslose Bauer durch Landverkauf abwehren können, die zweite im Jahre 1999 nicht mehr.
Da holte er sich - auf Empfehlung des "Deutschen Rechtsbüros" - den rechtsextremen Anwalt aus Hamburg zu Hilfe. "Wir haben hier ja keine ordentlichen Anwälte, die was für einen machen", begründet dies Christiansen im Nachhinein. Politisch indes habe er "mit den Braunen" nichts gemein. Christiansen: "Ich habe immer CDU gewählt."
Mit Rieger traf der Landwirt eine Abmachung: "Er ersteigert den Hof, und später reden wir darüber." Er sei davon ausgegangen, dass er ideell Eigentümer bleibe, dass der Anwalt ihm das Anwesen zu erträglichen Bedingungen einmal zurückgeben werde, so Christiansen. Schriftlich sei dies allerdings nirgends fixiert.
Räumung des Hofes bis zum 30. April
Rieger, der den Hof für 480.000 D-Mark ersteigerte, bestreitet dieses Übereinkommen nicht. Christiansen aber sollte 310 Euro Miete zahlen, damit den Gläubigern etwas zurückgegeben werden könne, so Rieger. Der Streit war damit programmiert: Denn Christiansen glaubte, er könne mietfrei auf seinem Ex-Hof wohnen. Dafür würde er schließlich das Anwesen in Schuss halten. Ende 2007 hatte der Bauer damit gleich zwei Forderungen auf dem Tisch: Der Hamburger Anwalt verlangte mehr als 11.000 Euro Mietnachzahlung. Auch die Sozialbehörde forderte mehr als 8000 Euro Unterkunftsleistungen zurück, nachdem sie erfuhr, dass Christiansen trotz Zuschusses keine Miete gezahlt hatte.
Rieger strengte eine Klage an - und bekam am Ende vor dem Amtsgericht Husum Recht. Eine Prozesskostenhilfe für den Landwirt hatte das Gericht abgelehnt, zeitweise stand Christiansen ohne Rechtsbeistand da. Auch Einsprüche des Angeklagten führten nicht zum Erfolg. Letzte Übereinkunft nach einem laut Christiansen "erzwungenen Vergleich": Räumung des Hofes bis zum 30. April.
Politik will wachsam sein
Inzwischen ruft der Fall auch Politiker auf den Plan: "Wir beobachten die Entwicklung der NPD-Aktivität in Nordfriesland mit Sorge", sagt Andreas Tietze, Grünen-Franktionsvorsitzender im Kreistag in Husum. Primär sei der Streit zwischen Christiansen und Rieger eine ordnungsrechtliche Angelegenheit. Sollte es aber zur Räumung des Hofes kommen, "werden wir genau beobachten, welche Aktivität sich dort entfaltet".
Genauso äußert sich Astrid Damerow, CDU-Fraktionschefin im Kreistag Nordfriesland: "Wir haben kein Interesse daran, dass sich Rieger bei uns festsetzt. Deshalb werden wir genau hingucken, was mit dem Hof passiert." FDP-Fraktionschefin Heide-Marie Rasch stellt klar: "So lange sich die Angelegenheit im privatrechtlichen Bereich abspielt, werden wir außer beobachten nichts tun."
SPD-Kreistagsfraktionschef Thomas Nissen wiederum sieht die Politik angesichts "verstärkter rechtsextremer politischer Aktivitäten" in Nordfriesland in der Pflicht. Man werde alles versuchen, zu verhindern, dass Rieger die Immobilie "so verwendet, wie man es ihm zutraut, dass er sie verwendet". Nissen: "Für eine verschärfte Aufmerksamkeit kann ich garantieren."
Vom Schweinestall zum Schulungszentrum?
Rieger indes wiegelt ab: "Ich werde aus einem Schweinestall bestimmt kein Schulungszentrum machen", erklärte er auf Anfrage. Er wolle nur eines: den Hof verkaufen. Er fühle sich von Christiansen, "dem ich viele Gläubiger vom Hals gehalten habe", über den Tisch gezogen. Er werde den Hof zur Not zwangsräumen lassen.
Der Ockholmer Landwirt will nun seinerseits Ansprüche geltend machen: Nicht nur, dass ihm die Arbeit auf seinem Ex-Hof angerechnet wird, es stünde ihm auch noch Geld aus der Versteigerung zu. "Ich lade die Politiker gern zu mir ein, ich kann alle Unterlagen vorlegen", sagt Christiansen. Und abschließend: "Ohne Weiteres kriegen die mich hier nicht raus."
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