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Mädchen in Holzkiste erstickt
Nach 28 Jahren: Prozess gegen Entführer
Kappeln / Augsburg. Die Ermittler des bayerischen Landeskriminalamts kamen im vergangenen Mai nach Kappeln (Kreis Schleswig-Flensburg). Sie legten Werner M. (58) in seinem Geschäft für Seglerbedarf am Hafen Handschellen an. In seinem roten Monteursanzug brachten sie ihn in einer Linienmaschine zur Vernehmung nach Augsburg. Werner M. soll die Lehrertocher Ursula Herrmann (10) entführt haben. Fast drei Jahrzehnte lang war der Fall ungelöst geblieben.
Das kleine Mädchen starb einen entsetzlichen Tod: Vom Rad gerissen, in einer Holzkiste im Wald vergraben, dort erstickt. Polizisten weinten, als Ursula Herrmann gefunden wurde. Mit großen, flehenden Augen habe das tote Kind zum Deckel der Kiste hinaufgesehen, den sie nicht öffnen konnte, weil er mit neun Riegeln verschlossen war.
"Ich bin unschuldig"
Werner M., der "bollerige Bayer", wie ein Freund aus Kappeln ihn beschreibt, bestreitet die Tat. Er sagt: "Ich habe an diesem Tag ge arbeitet und kein Verbrechen begangen. Ich bin unschuldig." Am kommenden Donnerstag beginnt im Großen Schwurgerichtssaal des Augusburger Landgerichts der Prozess gegen ihn. Die Anklage lautet auf erpresserischen Menschenraub mit Todesfolge. Seine Frau Gabriele M. muss sich wegen Beihilfe verantworten. Sie hält zu ihrem Mann, bestreitet ebenfalls alle Vorwürfe.
Somit wird es ein Indizienverfahren. 52 Verhandlungstage sind angesetzt. 200 Zeugen werden gehört. Das Urteil soll am 17. Dezember fallen. Für die Staatsanwaltschaft Augsburg ist die Beweiskette erdrückend. In 400 Leitz-Ordnern haben die Ermittler alle Fakten zusammengetragen: Werner M. wohnte zur Tatzeit in Utting am Ammersee, nur 250 Meter vom Opfer entfernt. Vermutlich kannte er Ursula Herrmann über seine eigene Tochter. Er soll sie mit einem Fernglas beobachtet und auf dem Heimweg von ihrem roten Kinderfahrrad gerissen haben, um sie zu der zuvor eingegrabenen Holzkiste zu schleppen. Das nur einen halben Quadratmeter große Gefängnis war mit Stoff ausgekleidet, um Hilferufe zu dämpfen, es gab einen Plastikeimer als Toilette, daneben lagen Süßigkeiten und Getränke, Comic-Hefte und ein Kofferradio. Eine Autobatterie sorgte für Beleuchtung, Plastikrohre für die Belüftung. Ursula Herrmann erstickte aber bereits nach sechs Stunden qualvoll. Nasses Herbstlaub hatte die Luftzufuhr verstopft.
Anwalt spricht von "dünner Beweislage"
Zwei Tage später rief der Entführer bei den Eltern an. Er sprach kein Wort, spielte nur die Erkennungsmelodie des Radiosenders "Bayern 3" vor. Am nächsten Tag ging ein Erpresserbrief bei der Familie ein: Für die Freilassung der Tochter sollten zwei Millionen Mark Lösegeld gezahlt werden. Acht weitere Anrufe mit der Melodie und zwei weitere Erpresserbriefe folgten, doch zu einer Geldübergabe kam es nie. Der Kontakt zum Täter riss ab. Vermutlich hatte er zwischenzeitlich die Kiste geöffnet, das tote Kind entdeckt.
Werner M., der mit einem Radio- und Fernsehgeschäft Schulden in sechsstelliger Höhe gemacht hatte, gehörte bereits früher zum Kreis der Verdächtigen. Doch einen Beweis für seine Schuld gab es all die Jahre nicht. Bis Polizisten bei einer Hausdurchsuchung im Oktober 2007 in Kappeln ein altes Tonbandgerät beschlagnahmten. Es produziert bei der Aufnahme technische Auffälligkeiten. Solche Spuren, die baugleiche Geräte nicht erzeugen, finden sich auch auf mitgeschnittenen Telefonanrufen bei der Opferfamilie.
Nach seiner Verhaftung gab Werner M. an, er habe das Tonbandgerät erst 2007 auf einem Flohmarkt gekauft. Sein Anwalt Walter Bubach spricht von einer "dünnen Beweislage". Die Ermittler sehen das anders. Der Leitende Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz sagt: "Es ist ja nicht das Tonbandgerät allein, es ist die Summe aller Indizien. Und die spricht gegen den Angeklagten. Wir haben nach der Hausdurchsuchung sein Telefon abgehört. Der Angeklagte führte Gespräche, die typisch sind für jemanden, der am Tatgeschehen beteiligt ist." Werner M. soll den Tod des Mädchens als "Betriebsunfall" bezeichnet haben.
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