KULTUR

 

Pianist Joja Wendt

Musikgeschichte einmal anders

10. März 2011 | 09:39 Uhr | Von Kathrin Emse

Mit dem Klavier kennt Joja Wendt sich ohnehin aus - jetzt ist noch die Lyra hinzugekommen. Foto: barz

Das aktuelle Programm "Im Zeichen der Lyra" des Pianisten Joja Wendt ist perfekt für alle, die an ihrem Instrument verzweifeln oder Klassik neu hören möchten.

Hamburg. Sie mag nicht mehr. Ständig dieses doofe Klavier. Üben, üben, üben. Dabei würde sie doch viel lieber endlich zum Spielen gehen. Das kleine Mädchen ist sauer. Sie will nicht mehr Klavierspielen lernen, mit all den Etüden und diesen langweiligen alten Stücken.

Joja Wendt, einer der bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Pianisten, kennt dieses Gefühl. Es hat ihn zu seinem neuen Programm "Im Zeichen der Lyra - Eine musikalische Geschichte" inspiriert, in dem er den Opa des Mädchens diesem eine Geschichte erzählen lässt. Es ist die Geschichte von der Orgel. Sie ist die Königin der Instrumente und lebt auf einem alten Turm. Von dort führt sie ein strenges Regiment. Alle Instrumente müssen sich an die Regeln halten. Gespielt werden darf nur, was exakt so in den Noten steht. Musikalische Freiheit? Fehlanzeige. Doch das kann das Klavier nicht. Eines Tages begehrt es auf. Es will seine Freiheit - und improvisiert. Die Strafe dafür ist hart. Das Klavier wird aus der Instrumentenfamilie verstoßen und von den Orgelpfeifen aus dem Turm geblasen. Krachend landet es auf der Konzert bühne von Joja Wendt, von wo aus es beginnt, sich Verbündete unter den Instrumenten zu suchen.

 

Seit Jahren arbeitet Wendt an seinem Programm, das nun auf die Bühne kommt. Ausgangspunkt sind die Lyra, ein altgriechisches Saiteninstrument - Vorfahr des heutigen Klaviers wie auch aller anderen Saiteninstrumente - und ein 2250 Jahre altes Lied. Das Seikilos-Epitaph, die älteste bekannte Noteninschrift; sie wurde auf einer griechischen Grabsäule gefunden. Wendt bringt diese uralten Töne zum Klingen - und mit ihnen viele Klassiker der Musikhistorie. Wobei er nie die Geschichte rund um das kleine Mädchen und die Orgel aus dem Blick verliert. Vielmehr nutzt Wendt die Werke für seine Geschichte.

Da ist zum Beispiel die Orgel, die in Mozarts Arie der Königin der Nacht aus der Zauberflöte ebenso zu Wort kommt wie in Bachs Toccata - Wendt nutzt sie für einen musikalischen Wutausbruch der Orgel. Griegs "In der Halle des Bergkönigs" dient dem Pianisten und Geschichtenerzähler zu einer Verbrüderung des Klaviers mit den Perkussions-Instrumenten. Das Stück erhält dadurch eine Dynamik und neue Tiefe, die Puristen aufhorchen und vielleicht auch schluchzen lässt, aber schlicht und ergreifend unheimlich viel Spaß macht.

Eine Geschichte, die zum Musikerlebnis wird

Überhaupt ist es faszinierend, wie es dem Hamburger Musiker gelingt, jedes der von ihm bearbeiteten Stücke, von Rachmaninov über Beethoven bis Scriabin und Rimsky-Korsakov in die heutige Zeit und den Jazz hinüberzuziehen. Ohne ihnen Gewalt anzutun. Vielmehr öffnet der 42-Jährige Ohren und Herzen. Und sicher hat Wendt Recht, wenn er sagt: "Hätte Rachmaninov schon die Elemente des Rock und Pop zur Verfügung gehabt, er hätte sie natürlich für seine Musik genutzt."

Wendt tut dies auf beeindruckende Weise und erzählt so eine Geschichte, die zum Musikerlebnis wird - und die vielen Kindern Lust machen dürfte, Klavier zu lernen. Deren Eltern hingegen mögen danach vielleicht doch einmal mehr in die vermeintlich langweilige Klassik reinhören und sich über einen Grenzgänger freuen, der mit "Im Zeichen der Lyra" ganz nebenbei auch noch seine eigene Geschichte erzählt. Denn der vielseitige Wendt hatte lange damit zu kämpfen, dass er sich keinem Genre zuordnen lässt - weder dem Jazz, noch dem Boogie oder der Klassik. Das dürfte spätestens mit seinem neuen Projekt egal sein. Denn dieser hervorragende Pianist und tolle Entertainer passt einfach in keine Schubladen. Er hat nur sehr viel zu erzählen.

"Im Zeichen der Lyra - Eine musikalische Geschichte", Konzerttermine im Norden: Mittwoch, 2. Mai, Kieler Schloss, Dienstag/Mittwoch, 12./13. Juni, Laeiszhalle, Hamburg. Eintrittskarten an allen bekannten Vorverkaufsstellen, via Tel. 01805/570099 oder im Internet: www.semmel.de


 

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