SCHLESWIG-HOLSTEIN
Blickwinkel
Kriegsbegeisterung der Pazifisten
Wir leben schon in aufregenden Zeiten. Da werden aus glühenden Atomkraft-Fans flammende Verfechter eines Sofortausstiegs aus der Teufelstechnologie und aus friedensbewegten Dichtern und Denkern wutschnaubende Krieger des Geistes. Es scheint alles weniger eine Frage von Grundsätzen, als vielmehr eine der Stimmungslage. Und die wird zurzeit von Bildern gespeist, die gern als apokalyptisch, grausam, verheerend oder gar als Botschaften des unmittelbar bevorstehenden Weltuntergangs gedeutet werden. Fast so, als wären Naturkatastrophen und Despoten eine Erfindung der Neuzeit.
Aus der guten alten Zeit gibt es noch Erkenntnisse, die zum Beispiel ein Wolf Biermann in Verse goss: "Wann ist denn endlich Frieden / In dieser irren Zeit / Das große Waffenschmieden / Bringt nichts als großes Leid".
Das war 1968. Ein Jahr, nach dem eine ganze (besondere) Generation benannt wurde, zu der sich auch der Schriftsteller Christoph Buch zählt. Heute sagt der 66-Jährige, dass man damals zu schnell mit Äußerungen zu Krieg und Frieden gewesen sei. "Die Jüngeren haben wohl den Reflex des Pazifismus verinnerlicht und halten nun jedes militärische Eingreifen für verdächtig". Davon ist Buch weit weg. Der Geläuterte begrüßt die Bomber am Himmel über dem Gaddafi-Reich.
Wolf Biermann findet auch, dass man Libyen bombardieren sollte. Könnte ja sein, dass der mordende Despot dabei direkt getroffen wird. Eine illustre Gesellschaft von Geistesmenschen denkt ähnlich. Krieg ist nämlich gar nicht schlimm, wenn nur denen der Kampf gilt, die als Teufelsbrüder erkannt wurden. Bedenken und Widerspruch sind sinnlos, denn schließlich geht es um die Sache der Guten. Lassen wir noch einmal Wolf Biermann sprechen: "Ich will beharren auf der Wahrheit / ich Lügner." Und geben zum Schluss noch das Lebensmotto des Dichters preis: "Nur wer sich ändert, bleibt sich treu." Jo! So dürfen wir noch auf viele verblüffende Erkenntnisse und erstaunliche Bekenntnisse hoffen. Nur mit der Frage nach einer grundsätzlichen Haltung komme bitte keiner.
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