SCHLESWIG-HOLSTEIN

 

OstseeTour

Der Storch verlernt das Wandern

11. Juni 2009 | Von Holger Schulz

Zurück im Norden: Die verfrühte Wiederkehr des Weißstorchs hat mehrere Ursachen. Foto: Schulz

OstseeTour-Reporter Holger Schulz hat sich in Bergenhusen umgeschaut. Wie verändert der Klimawandel das Zugverhalten der Störche?

Bergenhusen. Während ich zu meinem ersten Ziel in Kopenhagen unterwegs bin, widmen sich in meinem Heimatort Bergenhusen (Kreis Schleswig-Flensburg) die Störche der Aufzucht ihrer Jungen. Nach der Rückkehr aus ihren Überwinterungsgebieten haben die Langschnäbel die Nester besetzt und sich unter lautem Klappern verpaart. Die drei, vier Eier wurden dann einen guten Monat lang bebrütet, bevor endlich die Jungen schlüpften. Seitdem ist ständig einer der Altstörche auf den Wiesen und Weiden rings um Bergenhusen unterwegs, um das Futter für die hungrigen Schnäbel heranzuschaffen. Auf den ersten Blick ist in Schleswig-Holsteins Storchendorf alles so, wie es immer war.

Und doch hat sich so manches geändert. Immer häufiger kehren die Störche früher als gewohnt nach Norddeutschland zurück. War ehemals die erste Aprilhälfte der Zeitraum für die Ankunft der Afrikazieher, so stehen heute in manchen Jahren die ersten Störche schon im Februar auf ihren Nestern. Diejenigen, die "termingerecht" ihr Brutgebiet erreichen, müssen nicht selten in erbitterten Kämpfen ihre bereits besetzten Nester zurück erobern. Ähnliches beobachten die Vogelkundler in ganz Schleswig-Holstein. Und auch in anderen Bundesländern beginnt das Storchenjahr inzwischen früher.

Zugverhalten  geändert

Aber nicht nur die Störche ziehen jetzt anders. Am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell am Bodensee erforscht man seit langem den Verlauf des Vogelzugs. Dort sammeln und analysieren die Wissenschaftler die Wiederfunddaten beringter Kleinvögel und kommen zu erstaunlichen Ergebnissen: Seit Mitte des 20. Jahrhunderts hat sich bei einem Drittel der untersuchten Arten das Zugverhalten deutlich verändert: Sie ziehen nun früher und weniger weit weg von ihren Brutgebieten, die Überwinterungszeiten wurden kürzer, und manche haben den Zug sogar vollständig aufgegeben. Ganze Brutgebiete einiger Arten verschoben sich nach Norden. Für die Radolfzeller Ornithologen liegt die Ursache dieses Phänomens auf der Hand: Der Klimawandel verändert das Zugverhalten der Vögel.

Zurück zu unseren schleswig-holsteinischen Störchen. Ihre verfrühte Rückkehr lässt sich nur zum Teil mit der globalen Erwärmung erklären. Bei den Rotschnäbeln spielen zusätzlich auch andere Faktoren eine Rolle. Zoostörche werden vielerorts freifliegend gehalten. Auch ihre "wilden" Artgenossen lassen sich die tägliche Fütterung nicht entgehen und "gewöhnen" sich in der Folge das Wandern ab. Für Ansiedlungsprojekte hat man Mitte des vergangenen Jahrhunderts Störche aus Marokko und Algerien nach Europa gebracht, die genetisch auf einen kürzeren Zugweg programmiert waren. Sie haben sich mit den einheimischen Störchen vermischt und somit möglicherweise auch deren Zugverhalten beeinflusst. Und sehr viele Störche, die auf der westlichen Zugroute gen Afrika ziehen, bleiben inzwischen in der Südspitze Spaniens hängen, wo zwischen Gibraltar und Cádiz riesige, offene Mülldeponien ganzjährig Nahrung bieten.

Ziel: Die Müllhalden Spaniens

Um zu erfahren, wie der Zug der Westzieher genau verläuft, habe ich vor einigen Jahren für eine Schweizer Naturschutzorganisation fast 50 Störche mit Miniatur-Satellitensendern versehen. Dank der Peilsignale konnten wir diese Vögel bis in ihre Winterquartiere begleiten - und wir staunten nicht schlecht, als wir feststellten, dass die Hälfte der besenderten Vögel in Südspanien überwinterten. Sie zogen es vor, mit tausenden Artgenossen aus allen Regionen Westeuropas im spanischen Müll nach Essensresten zu suchen, statt nach Afrika in den Sahel weiterzufliegen. Auch aus Norddeutschland stammende Störche konnten wir dort an ihren Ringen erkennen. Kein Wunder, dass solche Vögel früher ins Brutgebiet zurückkehren - ihr Heimweg ist schließlich wesentlich kürzer als der ihrer "normal" ziehenden Artgenossen.

Laut EU-Recht müssen die offenen Mülldeponien Südspaniens demnächst geschlossen werden. Was werden die Störche tun, wenn ihr spanischer Garten Eden versiegt? Ziehen sie dann wieder nach Afrika? Oder überwintern sie weiterhin nördlich der Sahara, weil die globale Erwärmung ihnen dort inzwischen geeignete Lebensbedingungen bietet? Weitere Forschungen im Herbst sollen uns der Antwort näher bringen - aber das ist eine andere Geschichte.

In den nächsten Tagen der OstseeTour werde ich den Störchen ein weiteres Mal begegnen: In Schonen, Südschweden, wo man seit Jahren versucht, die Rotschnäbel wieder heimisch zu machen, werde ich mit der Biologin Emma Ådahl die Brutplätze der schwarz-weißen Segler besuchen. Wie ergeht es den Vögeln dort? Ich bin gespannt und werde berichten.


 

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