SCHLESWIG-HOLSTEIN
"Volles Programm"
Kalkofes TV-Revue mit einem Schuss Bosheit
Hamburg. Ein trügerisches Resumee, denn so gnadenlos, wie man es in seiner "Mattscheibe" vom Scharfrichter der deutschen Fernsehlandschaft gewohnt ist, fällt die erste Revue aus der Feder von Oliver Kalkofe keineswegs aus. Die "wirklich ganz tolle TV-Show-Show" - so der Untertitel - ist eine vollgepackte Zeitreise in die Tiefen des Lieblingsmediums der Deutschen, das vor 60 Jahren antrat, "die Menschen zu versklaven", wie es in der Ouvertüre heißt. Anders als in "Kalkofes Mattscheibe", wo der Comedian sämtliche Genreparodien im Alleingang übernahm, musste Kalkofe diesmal das Zepter aus der Hand geben - an den Musicalautor Martin Lingnau.
Keine Peinlichkeiten ausgelassen
In der rasanten Revue werden von den Siebzigern bis zu den Neunzigern keine liebgewonnenen TV-Figuren, aber auch keine Peinlichkeiten ausgelassen. Da trifft ein inzestuöser Professor Brinkmann auf die grenzdebile Erotikberaterin Erika Berger, Balders Stripperinnen aus "Tutti Frutti" auf "Knight Rider" David Hasselhoff, da fehlen die Schlümpfe ebensowenig wie die unvermeidliche Modern Talking-Parodie oder ein grunzender Professor Grzimek. Es wird alles ans Licht gezerrt, was sich in das kollektive Fernsehgedächtnis eingebrannt hat. Die Begleitband "Energie St. Pauli" dudelt sich derweildurch Titelmelodien von "Popeye" bis "Speedy Gonzales". Dafür, dass der Schleier nostalgischer Verklärung nicht die Bissigkeit des TV-Terriers Kalkofe zudeckt, sorgen der "Talk mit Adolph" oder ein zeitkritischer Priestersong. "Ich trag’ Talar, und manchmal ’nen BH; drum reich’ mir deine Hand, du schöner Ministrant", wird hier süffisant zur Melodie von "Pippi Langstrumpf" getextet.
Mit "Volles Programm", meint Kalkofe, könne er nachträglich seinen exzessiven Fernsehkonsum als Kind rechtfertigen: "Jetzt kann ich sagen, das war alles Recherche". "Volles Programm", Schmidt Theater Hamburg, bis 13.November, dann voraussichtlich wieder ab April 2011.
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