SCHLESWIG-HOLSTEIN

 

"Free Fighting"

Käfig-Kampf in Kiel: Sport oder Mord?

17. Oktober 2009 | 09:41 Uhr | Von Kristof Gatermann

Umstrittener Kampfsport: Beim "Free Fighting" ist fast alles erlaubt. Drei Menschen starben bisher an den Folgen ihrer Verletzungen. Foto: ddp

Es ist die umstrittenste Veranstaltung des Jahres: Das erste "Free Fighting" in Kiel sorgt für massive Proteste der Politik. Der Ausrichter bleibt gelassen.

Kiel. Ein Faustschlag mitten ins Gesicht. Ein Tritt an den Kopf. Der Kämpfer geht zu Boden. Sein Gegner prügelt auf ihn ein - mit blanken Fäusten. Das ist "Free Fighting" (freies Kämpfen). Zwei Kämpfer gehen in einem Käfig aufeinander los, ohne Schutz, es gibt kaum Regeln. Außer Bissen und Stichen in die Augen ist nahezu alles erlaubt. Gekämpft wird, bis einer k.o. geht oder aufgibt. In den USA sind schon Menschen getötet worden. Am morgigen Sonntag treten 28 "Freefighter" erstmals in Kiel an. 1000 Besucher werden in der Halle 400 erwartet, der Veranstalter X-Sport bittet um Abendgarderobe.

Sport oder wüste Keilerei? So bezeichnet es jedenfalls CDU-Innenminister Rainer Wiegard: Niedere Instinkte würden geweckt, gesellschaftliche Grundwerte eines fairen Miteinanders verletzt.

Wiegards Meinung wird parteiübergreifend geteilt. Die Kieler Ratsfraktionen von SPD, Grünen und SSW sprechen in einer gemeinsamen Erklärung von einer fatalen Vorbildwirkung: "Die zunehmende Bereitschaft zur Gewaltanwendung darf nicht durch gewaltverherrlichende Veranstaltungen gefördert werden." Der künftige Sozialminister Heiner Garg (FDP) appelliert "an jeden vernünftig denkenden Menschen", die Veranstaltung zu meiden.

Polizei fordert kurzfristiges Verbot

Auch aus der Gewerkschaft der Polizei (GdP) kommt Kritik: "Wir tun alles für die Entwicklung einer gewaltlosen Gesellschaft", sagt GdP-Geschäftsführer Karl-Hermann Rehr. So eine Veranstaltung stehe dem entgegen. Er fordert ein kurzfristiges Verbot.

Die Kämpfer werden voraussichtlich jedoch in den Käfig steigen. Stadtsprecher Boris Pawlowski: "Es handelt sich um eine normale Veranstaltung, die alle Auflagen erfüllt." Eine moralische Bewertung stehe der Stadtverwaltung nicht zu. In Köln hatte im Juni ein "Free Fight"-Turnier massive Protest ausgelöst, konnte aber nicht verhindert werden.

Bereits im August hatte sich der Veranstalter beim Ordnungsamt über Auflagen erkundigt. Das hätte er nicht mal machen müssen, da es sich um eine Veranstaltung in einem privaten, nicht im öffentlichen Raum handelt, so Pawlowski. Dennoch vereinbarten Stadt und Veranstalter eine Freiwilligkeitserklärung der Teilnehmer, den Jugendschutz (Eintritt ab 18 Jahre), einen Sicherheitsdienst sowie einen Ringarzt.

Veranstalter: "Wir tun nichts Verbotenes"

Hanspeter Rubner, Inhaber der Veranstalterfirma X-Sport, kann die Aufregung nicht verstehen: "Wir tun nichts Verbotenes. Es ist ein fairer Wettkampf mit professionellen Sportlern." "Free Fighting" sei der Sport der Zukunft.

Das sieht der Kieler Taekwon-Do-Lehrer Hans-Ferdinand Hunkel ganz anders. "Langfristig hält sich das nicht", sagt er. "Free Fighting" stehe im Widerspruch zur Philosophie traditioneller Kampfkunst. "Da geht es um Respekt und Demut dem Gegner gegenüber", sagt er. Das fehle, wenn es ums Siegen um jeden Preis gehe.

Unterstützung von Sponsoren - die sich nicht äußern

Rubner, in der Schweiz geboren und seit über 30 Jahren im Bereich Fitness, Bodybuilding und Kampfsport tätig, weist darauf hin, dass er von namhaften Sponsoren unterstützt werde - nicht alle wollten sich allerdings auf Nachfrage dazu äußern. Außerdem seien es auch die "normalen Leute" wie Ärzte, Architekten und Richter, die die Tickets (ab 35 Euro) kaufen.

Für die Zukunft solle solchen Veranstaltungen in Kiel ein Riegel vorgeschoben werden, sagt Stadtpräsidenten Cathy Kietzer (SPD). Dazu müsste der Landesgesetzgeber das Ordnungsrecht ändern. Der CDU-Innenexperte Peter Lehnert verspricht: "Wir werden uns dafür einsetzen, alle gesetzlichen und ordnungsrechtlichen Schritte einzuleiten, um solche Veranstaltungen künftig zu untersagen."


 

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