SCHLESWIG-HOLSTEIN
Tierversuche
Immer mehr Tiere leiden im Labor
Typischer toxikologischer Test: Eine giftige Substanz wird ins Auge eines Kaninchens geträufelt. Foto: Ärzte gegen Tierversuche
Tierschützer feiern das Datum als Etappensieg auf einer endlos langen Strecke: In wenigen Tagen, am 11. März, tritt die siebte Änderung der Kosmetikrichtlinie der Europäischen Union in Kraft und damit ein weitgehendes Vermarktungsverbot von Kosmetikprodukten mit Inhaltsstoffen, die an Tieren getestet sind. Als "Erfolg der Tierrechtsbewegung" bewertet die Organisation "Menschen für Tierrechte - Bundesverband der Tierversuchsgegner" die Entwicklung. "Das ist eine wichtige Errungenschaft", sagt auch Dr. Corina Gericke vom Verein "Ärzte gegen Tierversuche".
Den bitteren Wermutstropfen schmecken beide umso bewusster: Trotz intensiver Bemühungen von Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen steigt die Zahl der Tierversuche in der Europäischen Union und in Deutschland seit Jahren kontinuierlich, und ein Ende des Schreckens ist nicht in Sicht.
Vermarktungsverbot in allen EU-Mitgliedsländern
Tests von kosmetischen Endprodukten im Tierversuch sind in Deutschland bereits seit 1998, in der EU seit 2004 verboten. Das Problem: Viel häufiger als Endprodukte wurden und werden Inhaltsstoffe getestet, was auch nach den Verboten weiterhin möglich war und zudem vielfach außerhalb Europas praktiziert wurde. Das Vermarktungsverbot in allen EU-Mitgliedsländern schiebt zumindest dem nun einen Riegel vor.
Allerdings gilt es nur für Substanzen, die ausschließlich zur Produktion von Kosmetika bestimmt sind. Das sind nach Informationen von "Menschen für Tierrechte" lediglich etwa zehn Prozent. 90 Prozent der Inhaltsstoffe von Cremes, Lippenstiften und anderen Produkten würden auch in anderen Bereichen verwendet, etwa in der Industrie: "Für diese gilt nach wie vor, dass Tierversuche so lange gemacht werden dürfen, bis entsprechende Ersatzverfahren vorhanden sind", so Vereinssprecherin Stephanie Elsner.
An der hohen Zahl der Tierversuche dürfte die Änderung der Kosmetikrichtlinie also kaum etwas ändern. Denn Mäuse und Kaninchen, Hunde, Katzen, Affen, Pferde und andere Tiere werden vor allem bei der Erprobung von Chemikalien und Arzneien sowie in der Grundlagenforschung zu Testzwecken "verbraucht": Mehr als 2,6 Millionen Tiere wurden laut offizieller Statistik des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz im Jahr 2007 zu Versuchszwecken eingesetzt - ein Anstieg um 3,6 Prozent gegenüber dem Jahr zuvor.
Zufügen von Schmerzen "ohne vernünftigen Grund" verboten
Wie ist das möglich, wenn doch das Tierschutzgesetz Tiere als "Mitgeschöpfe" anerkennt und "das Zufügen von Schmerzen, Leiden oder Schäden ohne vernünftigen Grund" verbietet? Und wenn das gleiche Gesetz in Paragraf 7 Tierversuche unmissverständlich definiert als "Eingriffe oder Behandlungen zu Versuchszwecken an Tieren, wenn sie mit Schmerzen, Leiden oder Schaden für diese Tiere verbunden sein können"?
"Der vermeintliche Nutzen für den Menschen heiligt die Mittel", sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin von "Ärzte gegen Tierversuche" Corina Gericke. Versuche mit Tieren mit für diese letztlich immer tödlichem Ausgang werden durchgeführt im Dienst der Grundlagenforschung, für Sicherheitsprüfungen und Qualitätskontrolle von medizinischen Geräten und Erzeugnissen, für toxikologische Untersuchungen, also die Prüfung der Gefährlichkeit und Giftigkeit von Stoffen, für Arzmeimitteltests in der Human- und Tiermedizin, für Studium und Ausbildung - alles "vernünftige Gründe" im Sinne des Gesetzes.
Tierschützer: "Umgang mit Versuchstieren muss überwacht werden"
Die Durchführung von Tierversuchen werde "im Tierschutzgesetz lediglich durch ein Genehmigungsverfahren verwaltet", kommentiert der Deutsche Tierschutzbund diese Zusammenhänge. "Noch nicht einmal die grausamsten Tierversuche können hierdurch verhindert werden, obwohl sie nachweislich durch tierversuchsfreie Verfahren ersetzt werden könnten", kritisiert die mitgliederstärkste deutsche Tierschutzorganisation und fordert: "Alle Gesetze, in denen die Sicherheitsprüfungen neuer Substanzen geregelt sind, müssen sofort umgeschrieben werden. Anstelle veralteter Tierversuche müssen darin aussagekräftigere tierversuchsfreie Prüfstrategien verankert werden." Und: "Solange Tierversuche durchgeführt werden, muss der Umgang mit den Versuchstieren angemessen überwacht werden."
Denn das Leben der Versuchstiere und der Umgang mit ihnen bei den Experimenten selbst ist nicht das einzige ethische Problem im Zusammenhang mit Tierversuchen; ein weiteres ist die "Produktion" des Nachschubs: Ganze Organisationen in Deutschland widmen sich der Zucht geeigneter Versuchstiere wie Mäuse und Ratten, Affen und Hunde - ganz zu schweigen von Einrichtungen in außereuropäischen Ländern wie China, wo Affen unter unbeschreiblichen Aufzuchtbedingungen für wissenschaftliche Zwecke herangezogen werden: "Allein die Zucht von Versuchstieren ist eine gigantische Industrie", sagt Corina Gericke.
Pharmaunternehmen: Tests unverzichtbar
Aber Versuche am Tier seien nun einmal ohne Alternative, argumentieren die Befürworter und verweisen, wie etwa der Pharmakonzern Bayer auf seiner Website, auf das "strenge Regelwerk", dem die Branche bei der Durchführung unterliege. Die Tests seien "die unverzichtbare Grundlage für die Entwicklung und Prüfung aller Arzneimittel - von Schmerzmitteln über Antibiotika, Herz-Kreislauf-Medikamenten bis hin zu Impfstoffen, um nur einige zu nennen". Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft appelliert: "Ein Verzicht auf Tierversuche könnte eine unverantwortbare Verlangsamung des medizinischen Fortschritts bedeuten und damit die Heilungschancen für kranke Menschen deutlich schmälern."
Gerade diese Behauptung sei fachlich falsch, setzt Corina Gericke, selbst Veterinärmedizinierin, dagegen: Neben den ethisch-moralischen sprächen vor allem auch medizinische und wissenschaftliche Gründe gegen Experimente an Tieren. Denn deren Ergebnisse ließen sich nicht mit der nötigen Sicherheit auf den Menschen übertragen, und für die Entwicklung von Arzneimitteln sowie die Erprobung von Chemikalien gebe es längst "wirkungsvolle und verlässliche tierversuchsfreie Methoden. Dafür müsste heute kein einziges Tier mehr leiden und sterben."
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