SCHLESWIG-HOLSTEIN
Seehundstation Friedrichskoog
Heuler getötet, weil kein Platz da war?
"Obwohl die Seehundbabys ziemlich fit waren , wurden sie dort euthanasiert", sagt Tierärztin Janine Bahr.
Föhr / Friedrichskoog. Seit Jahren streitet sich Tierärztin Janine Bahr, Leiterin des "Tierhuus" in Wyk auf Föhr, mit Naturschützern und Behörden darüber, wie mit verlassenen Seehundbabys, den "Heulern", umzugehen ist. Sogar unnötige Tötung wirft die Tierschützerin ihren Kollegen vor - die Auseinandersetzung eskaliert.
Doch von Anfang an: Wird an Schleswig-Holsteins Küsten ein Seehundjunges gefunden, ist nach geltendem Recht der Seehundjäger zu rufen. Dieser entscheidet, abhängig von Gesundheitszustand, Größe und Gewicht, ob das Tier in die Seehundstation nach Friedrichskoog gebracht oder besser getötet wird. Doch Janine Bahr nimmt immer wieder Heuler mit und versorgt sie, ohne die Seehundjäger vorher zu fragen. Das hat der "Wiederholungstäterin" jetzt einen Bußgeldbescheid über 1500 Euro eingebracht. Grund: Verstoß gegen das Jagdgesetz, da von ihr aufgelesene Seehunde nie in Friedrichskoog abgeliefert wurde.
"Die dürfen die Tiere aber bei der kleinsten Verletzung erschießen"
Janine Bahr sagt dazu: Die Ausbildung der ehrenamtlich tätigen Seehundjäger ist völlig unzureichend. "Die können keine Erstversorgung durchführen, dürfen die Tiere aber bei der kleinsten Verletzung erschießen." Und auch die jährlichen Fortbildungen seien eine Farce, zumal die Teilnahme an den Veranstaltungen freiwillig erfolge.
Eine Aussage, der die Verantwortlichen widersprechen. Von einer Spezialausbildung spricht Johann Böhling, Leiter der obersten Forst- und Jagdbehörde im Ministerium für Landwirtschaft in Kiel. "Der Ausbildungsstand unterscheidet sich enorm von dem normaler Jagdscheininhaber", sagt auch Thomas Borchert, Mitarbeiter der Nationalpark-Verwaltung. Er verweist auf jährliche Treffen, bei denen die Seehundjäger durch Wissenschaftler, Veterinäre und auch Tierschützer über die neuesten Erkenntnisse unterrichtet würden.
Mitgefühl versus natürliche Selektion
Tierschützerin Bahr kann das nicht überzeugen, da die Seehundjäger Druck von oben bekämen und Bestimmungen umsetzten, die problematisch seien. Laut Vorschrift müsse ein gefundener Seehund einige Stunden beobachtet werden, um auszuschließen, dass das Muttertier doch zurückkommt. Für Bahr untragbar, denn nach einigen Stunden ohne Milch sei das Tier dehydriert (ausgetrocknet). Somit entstünde gerade der Zustand, der dem Seehundjäger nach geltenden Richtlinien erlaube, das Tier zu erschießen. Folglich handelt Bahr nach ihrem Gewissen, bringt Tiere, "die sonst sterben würden", zur Erstversorgung ins "Tierhuus" - und verstößt damit gegen das Jagdgesetz.
Rein rechtlich, so Thomas Borchert, seien Seehunde jagdbares Wild und fielen somit in den Zuständigkeitsbereich der Jäger. Eine Aneignung durch Fremde erfülle den Tatbestand der Wilderei. "Natürlich kann Frau Bahr ein verletztes Tier, das sie findet, erstversorgen - sie darf es dann aber nicht lange behalten." Ohnehin hält Borchert es nicht für zwingend notwendig, kranke Tiere "unbedingt durchzubringen". 2263 Jungtiere habe es im Jahr 2009 in Schleswig-Holstein gegeben, "der Bestand hat sich also sehr gut erholt. Wenn man immer die Schwachen durchpäppelt, wirkt dies der natürlich Selektion entgegen."
Friedrichskoog nimmt rund 50 Heuler pro Jahr auf
Die Tierschützerin erschüttert diese Sichtweise, sie macht in diesem Zusammenhang auch der Seehundstation Friedrichskoog schwere Vorwürfe. Seit Jahren soll dort nur eine bestimmte Anzahl an Seehunden aufgenommen werden. Kranke oder verletzte Tiere würden gar nicht aufgepäppelt, sondern eingeschläfert. "Ich habe Heuler im ,Tierhuus' erstversorgt und sie dann nach Friedrichskoog geschickt", berichtet Janine Bahr. "Obwohl die Seehundbabys ziemlich fit waren, wurden sie dort euthanasiert."
"Das ist falsch", widerspricht Eva Baumgärtner, Mitarbeiterin der Seehundstation. "Natürlich nehmen wir auch kranke und verletzte Tiere auf. Die Rate der getöteten Tiere in der Station ist verschwindend gering." Auch der sogenannten Kontingentierung widerspricht Baumgärtner, die von etwa 50 aufgenommenen Heulern pro Jahr spricht. 2009 seien es sogar 86 Tiere gewesen, von denen 17 verstorben seien.
"Ich wollte keine Tiere töten, nur weil die Station voll war"
Zahlen, die Pasquale Piturru, ehemals Tierarzt in Friedrichskoog, für realistisch hält - "wenn sie denn stimmen". Piturru, der die Kontingentierung während seiner Tätigkeit in Friedrichskoog selbst erlebt hat und bestätigt, hatte deshalb vor einigen Jahren seinen Dienst quittiert: "Ich wollte keine Tiere töten, nur weil die Station voll war."
Derzeitiger Tierarzt und Nachfolger von Piturru in Friedrichskoog ist Jörg Driver. Wasser auf die Mühlen der kritischen Tierschützer, denn Driver ist Ehemann von Ursula Siebert, die im Forschungs- und Technologiezentrum in Büsum nicht nur für die Ausbildung der Seehundjäger zuständig ist, sondern auch für die stichprobenartigen Kontrollen der getöteten Tiere - auch der in Friedrichskoog eingeschläferten. Klar, dass Gegner hier mangelnde Neutralität wittern. "Man könnte meinen, dass diese Konstellation nicht ganz optimal ist", räumt auch Borchert von der Nationalparkverwaltung ein.
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