SCHLESWIG-HOLSTEIN
Protestveranstaltungen
Hebammen fürchten um ihre Existenz
Den Geburtshilfekoffer brauchen Birgit Ute Petersen (l.) und Anke Autzen nicht mehr. Foto: gatermann
Bredstedt / Kiel. Für Anke Autzen (53) ist es jedes Mal ein einmaliges, wunderbares Ereignis: die Geburt. Die Hebamme aus Bredstedt (Kreis Nordfriesland) hat in 32 Berufsjahren weit mehr als 1500 Kinder zu Welt gebracht, meist waren es Hausgeburten. "Wir haben den Müttern Sicherheit gegeben." Sie spricht in der Vergangenheit. Denn wie Autzen bieten viele der 674 allein im Hebammenverband Schleswig-Holstein organisierten Geburtshelferinnen in Zukunft keine Geburtshilfe mehr an - sie können es sich nicht mehr leisten.
Die meisten Hebammen sind freiberuflich tätig. Diese Freiberuflichkeit rechnet sich kaum noch. "Eine Hebamme verdient im Durchschnitt 1200 bis 2100 Euro im Monat. Vor Abzug der Steuern", erklärt Birgit Ute Petersen (45), 2. Vorsitzende des Hebammenverbandes in Schleswig-Holstein. Für eine Hausgeburt erhält eine Hebamme 448,80 Euro von der Krankenkasse, für Geburten im Krankenhaus gibt es 237 Euro. Allein das, so Petersen, reiche kaum aus, um die Kosten zu decken.
"Diese Summe können viele Hebammen nicht aufbringen"
Schließlich müssten die Freiberuflichen für Sozialabgaben und Versicherungskosten selbst aufkommen. Und eben diese steigen ab dem 1. Juli drastisch an. Bis zu 4600 Euro im Jahr müssen die Hebammen für die verpflichtende Berufshaftpflichtversicherung bezahlen. 2007 lag die Jahresprämie bei rund 1500 Euro. "Jetzt ist es mehr als das Doppelte. Diese Summe können viele Hebammen nicht aufbringen", sagt Petersen, die seit 1992 Frauen vor, bei und nach der Geburt unterstützt. Seit 13 Jahren arbeitet sie mit Anke Autzen in einer gemeinsamen Praxis zusammen. Die Geburt war für Petersen "das Tüpfelchen auf dem i" nach den vielen Wochen, in denen sie den Schwangeren mit Rat und Tat zur Seite stand. "Viele Frauen wünschen sich, von zehn Wochen vor der Geburt bis acht Wochen danach betreut zu werden. So konnten wir eine persönliche Bindung zu ihnen aufbauen. Während der Geburt hatten sie eine vertraute Person um sich." Auch Petersen spricht in der Vergangenheit.
Wie sie und Autzen bieten viele Hebammen zwar weiterhin Vorbereitungs-, Säuglingspflegekurse an, sind rund um die Uhr erreichbar - doch wenn es wirklich los geht, dürfen sie ohne Versicherungsschutz nichts mehr tun. Die Geburtshilfe fängt an, wenn das Fruchtwasser platzt: "Früher haben wir dann geschaut, ob wir sofort in die Klinik müssen oder ob noch Zeit zum Packen ist. Wir konnten eingreifen, wenn es Probleme gab", so Petersen.
Flächendeckende Versorgung mit Hebammen bald nicht mehr gewährleistet
Damit ist jetzt Schluss. Die Schadenssumme, auf die die Krankenkassen die Hebammen im Falle eines Geburtsfehlers verklagen, sei in den vergangenen zehn Jahren auf bis zu sechs Millionen Euro angestiegen, so Petersen. Und damit eben auch die Versicherungsprämien. "Das liegt aber nicht etwa an einer zunehmenden Anzahl von Fehlern", erklärt Petersen. Vielmehr rechneten Krankenkassen Folgekosten wie den Hausumbau für ein behindertes Kind oder Rentenausfälle mit in die Schadensansprüche ein. "Das ist auch völlig korrekt. Das steht den Eltern in einem solchen Fall zu", sagt Petersen. "Aber dann müssen uns die Krankenkassen auch mehr Geld bezahlen." Und bisher waren die Krankenkassen dazu nicht bereit.
Die flächendeckende Versorgung mit Hebammen sei bald nicht mehr gewährleistet, befürchtet Petersen. Beispiel Amrum: Auf der Nordseeinsel wird Hebamme Antje Hinrichsen ihren Dienst ab Januar 2011 einstellen. "Bis Ende des Jahres komme ich noch so gerade finanziell über die Runden." Dann müssen Schwangere mit dem Seenotrettungskreuzer zum Festland gebracht werden. Hausgeburten, mit denen Hinrichsen den Frauen auf der Insel zwei Jahrzehnte lang den anstrengenden Weg ersparte, sind nicht mehr möglich. Auch die sogenannte Beleghebammen, die freiberuflich arbeiten, aber die Infrastruktur des Krankenhauses nutzen, sind von den Erhöhungen betroffen. Bei der Klinik angestellte Hebammen sind zwar durch den Arbeitgeber, aber laut Petersen oft nicht adäquat versichert.
"Diese Frau macht ihren Kinderwunsch von meiner Arbeit abhängig"
Mit dem zunehmenden Verzicht vieler Hebammen auf die Geburtshilfe, haben Schwangere auch immer seltener die Möglichkeit, ihr Kind zu Hause, wo sie sich wohl fühlen, zur Welt zu bringen. Sie müssen in die Klinik. "Die schwangeren Frauen finden es jedoch schön, in einer geborgenen, einer kuscheligen Atmosphäre ihr Kind zu bekommen", weiß Autzen.
Das zeigt auch die Reaktion einer Mutter, die zwei Kinder mit Hilfe von Petersen zu Hause zur Welt brachte. Als sie hörte, dass sie mit der Geburtshilfe aufhört, sagte sie: "Dann will ich kein drittes Kind mehr." Petersen geht diese Erfahrung nahe: "Diese Frau macht ihren Kinderwunsch von meiner Arbeit abhängig."
Heute, am internationalen Hebammen-Tag, machen die Geburtshelferinnen bundesweit auf ihre Situation aufmerksam. In Schleswig-Holstein kommt es zu Protestveranstaltungen, unter anderem in Rendsburg, Kiel und Lübeck. Zudem sammeln die Hebammen Unterschriften im Internet (www.hebammen-protest.de). Ziel der Online-Petition ist es, die Problematik des Berufsstandes im Bundestag zu diskutieren.
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