SCHLESWIG-HOLSTEIN

 

Schildkröte

"Halt die Klappe, ich hab Urlaub"

03. August 2008 | Von Rieke Beckwermert

Camper-Paradies im Grünen: An der Ostsee bei Eckernförde lebt Franz Jarnach alias Schildkröte in der warmen Jahreszeit. Foto: Michael Staudt

Er braucht nicht viel: Einen Satz, ein Bier, ein Klavier. Damit schlägt sich Schildkröte, der einsilbige Raucher aus "Dittsche", ganz gut durch. Den Sommer verbringt er an der Ostsee. Ein Besuch auf dem Campingplatz.

Eckernförde -. Er und dieser Satz. Verfolgt ihn bis an die Ostseeküste, bis in diesen Winkel auf einem Campingplatz bei Eckernförde. Da dröhnt er plötzlich, mitten in seinem neuen 70er-Retro-Disco-Song, aus der Musikanlage im Wohnwagen. "Halt die Klappe, ich hab’ Feierabend."

Richtig, das kann nur Schildkrötes’ Wohnwagen sein. Schildkröte, die Kultfigur aus der TV-Comedyserie "Dittsche". Dieser kleine untersetzte Mann mit den himbeerroten Wangen, den fisseligen blonden Strähnen und der Himmelfahrtsnase im Gesicht. Das markante Aussehen hat ihm den Künstlernamen "Mr. Piggi" eingebracht. Doch unter dem Namen tritt der 64-Jährige, der bürgerlich Franz Jarnach heißt und in der norddeutschen Musikszene seit 40 Jahren eine feste Größe ist, nicht mehr auf. Schildkröte rufen ihn die Fans, und was wollen sie hören, wenn er nicht gerade am Piano rockt? Diesen Satz. Den kriegen Sie auch, immer. Ist schließlich sein Markenzeichen geworden.

Energie fürs Leben auf dem Kiez tanken 

Dabei hat der Mann weitaus mehr zu erzählen. Bei Apfelschorle und einer Schachtel Zigaretten hat er sich ein schattiges Plätzchen in seinem "zweiten Zuhause" gesucht. Unter einem offenen Pavillon, direkt neben seinem Campingwagen mit Vorzelt, mit zwei Hamburger Flaggen gekrönt, bläst Schildkröte blauen Dunst aus - und atmet klare Seeluft ein. Vögel zwitschern, ab und zu stört nur ein Traktor die Stille, der auf einem Feld Ernte einfährt. "Das ist so herrlich hier", schwärmt Schildkröte, "wenn ich das nicht hätte, wäre ich aus St. Pauli längst weggezogen." In der Natur tanke er Energie für das Leben auf dem Kiez. Und wie auf Bestellung hüpft ein zutraulicher Hase aus dem Gebüsch hervor.

Sein heutiger Roadie hat den Mann zum Camperleben verführt. "Rock’n’Roll-Peter" und Schildkröte lernten sich vor 15 Jahren in Hamburgs Kneipenszene kennen. "Damals trank ich Wodka mit Orangensaft", sagt Schildkröte, "eines Abends stand plötzlich eine Flasche Wodka vor mir. Peter und ich kamen ins Gespräch. Er lud mich auf einen Campingplatz an der Schlei ein." Schildkröte gefiel dieser günstige Urlaub. "Meinen ersten Wohnwagen hab’ ich für eine Flasche Whisky gekauft", sagt er und lacht dröhnend. "Ein uraltes Ding ohne fließendes Wasser."

Gerne alte Horror-Streifen 

Inzwischen lebt er komfortabler. Seit 2001 besitzt Schildkröte ein zwar nicht direkt modernes Schätzchen, der "de luxe"- Schriftzug ist schon verblichen, aber innendrin: kräftig aufgemotzt. Waschmaschine, Trockner, Mikrowelle im Vorzelt. Musikanlage für seine CD-Sammlung, Blues, Jazz und Rock. Fernseher für seine Videos, gerne alte Horror-Streifen, "ich habe alles von Christopher Lee", sagt er. Und wie verbringt Schildkröte seine Freizeit? Er juckelt mit seinem Motorroller durch die Gegend, geht spazieren, viel schwimmen - und unterbricht seinen Urlaub ab und zu für einen Auftritt, wie gestern Abend in Rieseby.

"Die wollen keinen Rock'n'Roll-Opa"

Für die Musik lebt er, von ihr leben kann er nicht. Auch durch "Dittsche" nicht. Schildkröte hat Songs aufgenommen - alle bauen auf den einen Satz. "Aber die Plattenfirmen interessiert das nicht. Die wollen keinen Rock’n’Roll-Opa." Er zuckt die Schultern, für einen Moment scheint Resignation durch. Schildkröte hat keine feste Beziehung, keine Kinder. Das dunkelblaue verblichene Tattoo auf dem rechten Unterarm - "true love", wahre Liebe, - dieser Wunsch, sagt er, "hat sich nie erfüllt". Aber Schildkröte fängt sich schnell wieder. "Was soll’s, weitermachen."

Natürlich bekommt er auch Besuch, von Nachbarn oder Freunden, da trinkt er gern ein Bier und schnackt. Doch der Mann schätzt auch die Ruhe. Nicht ohne Grund verweist er auf ein verschnörkeltes Holzschild, das am Eingang hängt: "Des Campers Fluch ist Regen und Besuch. Regen geht ja noch..." Er könnte auch sagen: "Halt die Klappe, ich hab Urlaub."


 

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