SCHLESWIG-HOLSTEIN
Alkohol am Arbeitsplatz
Gefährliches Spiel: Trinken, bis der Chef kommt
Tanja Nissen sprach mit Hans-Christian Lorenzen, Geschäftsführer des Handwerker-Fonds Suchtkrankheit, und Klaus Leuchter von der IKK Nord über Alkohol am Arbeitsplatz.
Herr Leuchter, die Zeit der Weihnachtsfeiern und Punschabende ist vorbei. Doch fünf Prozent aller Beschäftigten finden jeden Tag einen Grund, Alkohol auch am Arbeitsplatz zu trinken - heimlich oder offen. Irgendwann stellt sich für Kollegen und Chefs die Frage: Raushalten oder Einmischen?
Leuchter: Einmischen! Der Betrieb ist im Grunde ein guter Ort, um über Suchtprobleme zu sprechen. Es gibt soziale Bindungen, die aber nicht zu eng sind. Abgesehen davon: Wer angetrunken zur Arbeit kommt, der ist nicht so leistungsfähig - das heißt, die anderen müssen mehr arbeiten. Der Firmenwagen ist tabu. Kundenbesuche mit Alkohol-Fahne auch. Der Chef muss also reagieren.
Die zweite, viel schwierigere Frage, die sich dann jedoch stellt, lautet: Wie sollte der Chef reagieren?
Lorenzen: Der Chef ist für die Einhaltung der arbeitsvertraglichen Pflichten verantwortlich. Er sollte Beschäftigte ansprechen, die diesen Pflichten nicht nachkommen. Und auch aussprechen, dass es eventuell mit dem auffälligen Alkoholgenuss zusammenhängen könnte. Mehr nicht. Nach den Gründen sollte er nicht fragen. Eine gewisse Distanz ist dabei nötig.
...und dann sagt der Beschäftigte: Das stimmt nicht! Der gibt seine Sucht doch nicht zu.
Leuchter: Ja, richtig. Häufig ist das so. Die fehlende Einsicht gehört zum Krankheitsbild dazu. Dann muss gegebenenfalls der Druck erhöht werden. Wichtig ist die Botschaft: 'Der Laden läuft nicht - und das hat mit deinem Verhalten zu tun. Wenn du nichts dagegen tust, steht dein Job auf der Kippe.' Für solche Gespräche bietet der Handwerker-Fonds seine Unterstützung an. Auf Wunsch kommen Fachleute in die Betriebe. Meistens mit trockenen Alkoholikern. Das führt häufig zur Einsicht, manchmal unter Tränen. Wir haben Menschen schon vom Arbeitsplatz direkt in die Klinik gefahren.
Jetzt muss ich aber noch einmal auf meine Eingangsfrage zurückkommen: Ist das nicht Privatsache?
Lorenzen: Nein. Lange Zeit war das so, dass Krankheit als Privatsache angesehen wurde. Aber wenn andere mehr arbeiten müssen und über Arbeitsüberlastung klagen, wenn Betriebe gezwungen sind durch Arbeitsausfälle Umstrukturierungen vorzunehmen, dann sind die Folgen einer Erkrankung keine Privatsache. Nach wie vor müssen ja Liefertermine eingehalten werden, wollen Kunden gut bedient sein. Auf der anderen Seite wächst bei Langzeiterkrankten die Unsicherheit: 'Werde ich noch gebraucht?'. Unterstützung bei der Rückkehr an den Arbeitsplatz ist wichtig. Nicht zuletzt deshalb sind seit 2004 Unternehmen in Deutschland verpflichtet, unabhängig von ihrer Größe, für ein betriebliches Eingliederungsmanagement zu sorgen. Ziel ist es, diese Menschen nicht in die Arbeitslosigkeit oder Rente zu schicken, sondern ihre Arbeitskraft zu erhalten.
Warum sollte sich eine Firma um (sucht-)kranke Menschen kümmern?
Leuchter: Weil alle davon profitieren: Unternehmen können auf Wissen und Erfahrungen zurückgreifen. Die Beschäftigten halten so ihren Lebensstandard. Steuer- und Sozialkassen werden entlastet. Unsere Wirtschaft kann sich nicht mehr leisten, auf diese Menschen zu verzichten. Auch wegen der demografischen Entwicklung ist es erforderlich, Beschäftigte mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen im Betrieb zu halten. Wir brauchen Fachkräfte.
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