SCHLESWIG-HOLSTEIN

 

Ehrenprofessur für Doris Runge

Eine Poetin zwischen Geistern und Phasen

05. September 2009 | Von Martin Schulte

Ausgezeichnete Autorin und seit Sonnabend Ehrenprofessorin: Doris Runge in ihrem Garten in Cismar. Foto: Michael Staudt

Doris Runge ist nicht nur eine besondere Autorin, sondern auch eine mehrfach ausgezeichnete. Am Sonnabend wird ihr im Kloster Cismar die Ehrenprofessur verliehen.

Cismar. Gerade steckt sie wieder in einer dieser Phasen. Doris Runge verwandelt ihre Gedanken und Erfahrungen in Worte - den wichtigsten Rohstoff der Dichterin. "Eine schlimme Zeit" nennt sie diese Phase des Übergangs: "Ich muss vom Sammeln lassen und mit der Umwandlung meiner Wahrnehmungen in Sprache beginnen." Schließlich soll im kommenden Jahr ein neuer Gedichtband erscheinen, der Vertrag ist bereits unterschrieben.

Man sieht ihr die Strapazen der Wortfindung allerdings nicht an, dieser freundlichen Frau mit den großen, ausdrucksstarken Augen. Doris Runge sitzt auf der Balkonterrasse des Weißen Hauses in Cismar, ihrem Domizil seit über 30 Jahren. Hier lebt und arbeitet sie, hier sind diese präzisen und mehrdeutigen Wort-Kunstwerke entstanden, für die ihr am Sonnabend von Ministerpräsident Peter Harry Carstensen die Ehrenprofessur des Landes Schleswig-Holstein verliehen wird.

Doris Runge hat früh zur Lyrik gefunden, sich aber erst spät getraut, ihre Verse zu veröffentlichen. Zu groß waren die Zweifel: "Ich wusste nicht, ob meine Gedichte etwas taugen". Dass diese Bedenken unbegründet waren, belegen nicht nur die unzähligen Auszeichnungen, die sie für ihre Arbeit erhielt: Hebbel- und Hölderlin-Preis, der Ida-Dehmel-Literaturpreis, 1997 übernahm sie zudem die erste Liliencron-Dozentur für Lyrik an der Universität Kiel. Doris Runges Gedichte scheinen auf den ersten Blick einfach, sie stehen auf den Buchseiten so verloren da wie magere Gesellen in viel zu großen Kleidern. An Umfang gewinnen sie während des Lesens. Dann muss der Anfang des Gedichts nicht immer der Beginn sein, Zeilen verrutschen und geben einen neuen Blick auf das Gesagte - oder einen ganz anderen Sinn.

im dänischen

amtschreiberhaus

am tage verwalte ich

sorge versorge sorge vor

lege ab und an

fege staub

den die nachtschicht

aufwirbelt

die unsterblichen

fliegen

gegen alle klatschen

gefeit aus altem

geschlecht dänisch

schätze ich

wie die verblichenen

buchhalter

mit ärmelschonern

meine geschichte

verwischen

penetrant und penibel

alles verwischen

nacht für nacht

legt mir eine

unerlöste Seele

ihr gebrochenes herz

ans herz als wärs

mein eigenes


Diesem Gedicht hat Doris Runge den Namen "wg" gegeben, und es verrät einiges über seine Schöpferin, ihre Beziehung zum Land und zu ihrem Wohnhaus in Cismar, das einst ein dänisches Amtsschreiberhaus war. Diese Vergangenheit ist es, glaubt man der jetzigen Bewohnerin, wohl auch nie ganz losgeworden. Die Geister wirbeln des Nachts den am Tage gefegten Staub wieder auf und suchen ihrerseits die Geschichten und Spuren der Tagbewohnerin zu verwischen; eine besondere Wohngemeinschaft in jedem Falle, ein besonderes Gedicht und ein Beleg, wie viel auch mit wenigen Worten erzählt werden kann.

Es fällt der Autorin nicht leicht, zu ihrer lyrischen Sprache zu gelangen, sie muss zunächst einige Brocken beiseite räumen, ehe die Bilder, die sich über Monate und Jahre in ihr gesammelt haben, in Worte fließen. "Das ist wie ein Dammbruch", sagt sie. Dann schreibe sie morgens und abends, "dann wird alles Erlebte zum Gedicht".

Es ist also nicht unmöglich, dass auch die Erinnerungen an den heutigen Tag, die Verleihung der Ehrenprofessur durch den Landesvater, bald - in Zeilen gegossen - veröffentlicht werden.

Es kann aber auch sein, dass Doris Runge es bei diesen Worten belässt: "Ich bin sehr dankbar für die Auszeichnung und vor allem für die zahlreichen positiven Rückmeldungen, die ich aus diesem Land bekomme."


 

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