SCHLESWIG-HOLSTEIN
"Cap Anamur"
Lübecker Kapitän in den Mühlen der italienischen Justiz
Die "Cap Anamur" vor Sizilien: Ein Patrouillenboot sichert das Schiff beim Einlaufen in den Hafen von Porto Empedocle, Provinz Agrigent.
Lübeck. Menschen in Seenot werden gerettet - für Stefan Schmidt, den ehemaligen Kapitän des Lübecker Frachters "Cap Anamur", ist das eine klare Sache. Er selbst hat vor knapp fünf Jahren 37 afrikanische Flüchtlinge vor dem sicheren Tod gerettet. Dafür steht er in Italien seit zwei Jahren wegen "Schlepperei" in einem Prozess vor Gericht, der für Beobachter wenig Substanz hat, aber viel Geld kostet.
Einmal im Monat ist Gerichtstag im sizilianischen Agrigent. Eigentlich. Denn bei den jüngsten beiden Terminen fuhren Angeklagte, Anwälte und Übersetzer unverrichteter Dinge wieder nach Hause. "Zuletzt am 1. April wegen eines Anwaltsstreiks", sagt Schmidt. Der 67-Jährige übt sich in Gelassenheit. 60 Zeugenaussagen haben die Anklagepunkte nicht erhärten können. "Aber", sagt Schmidt, "dies ist ein politischer Prozess. Da weiß man nie, was passiert". Wird er verurteilt, drohen ihm und den Mitangeklagten, seinem damaligen Ersten Offizier Vladimir Daschkewitsch und dem damaligen Chef der Hilfsorganisation "Cap Anamur" Andreas Bierdel, je zwölf Jahre Haft. Schmidt, Lehrer für Schiffssicherheit an der Schleswig-Holsteinischen Seemannsschule, ist ein Seebär wie aus dem Bilderbuch: breitschultrig und die Ruhe selbst. Aber die unendliche Geschichte um die Rettungsaktion, die im Sommer 2004 für weltweites Aufsehen sorgte, geht auch ihm an die Nerven. Die Anklage, sagt er, ist absurd, ruhig schlafen kann er nicht mehr.
Ohne Wasser und Nahrung an Bord
Im Sommer 2004 ist die "Cap Anamur", wenige Monate zuvor als eigenes Rettungsschiff der Hilfsorganisation in Lübeck für 1,8 Millionen Euro umgebaut, mit Hilfsgütern für Irak und Westafrika unterwegs, als der Erste Offizier zwischen Malta und Lampedusa ein Schlauchboot mit qualmendem Motor sichtet. Die 37 Männer darin haben weder Wasser noch Nahrung an Bord. Schmidt macht, was in solchen Fällen üblich ist: retten. Und er will das, was außerdem üblich ist: "Den nächsten Hafen anlaufen, die Flüchtlinge an Land lassen, meine Fahrt fortsetzen."
Tatsächlich aber folgen für die zehn Besatzungsmitglieder, vier "Cap Anamur"-Leute und 37 Flüchtlinge zermürbende Wochen, denn die italienischen Behörden verweigern der "Cap Anamur" das Einlaufen, Militär und Zoll umkreisen das Rettungsschiff. Auch von der deutschen Botschaft kommt keine Hilfe. Statt dessen erklären der deutsche und der italienische Innenminister, Otto Schily und Beppe Pisanu, einhellig, es gelte, einen gefährlichen Präzedenzfall zu verhindern. Auf der "Cap Anamur" droht die Stimmung zu kippen. Schmidt, besorgt um die Sicherheit an Bord, warnt die Italiener: Wenn ihr uns nicht einlaufen lasst, mache ich einen internationalen Notfall aus der Sache. Jetzt darf er nach Agrigent - und kommt mit Daschkewitsch und Bierdel in Untersuchungs-, die Flüchtlinge bis auf eine Ausnahme in Abschiebehaft. Die "Cap Anamur" wird beschlagnahmt - in den folgenden Monaten verkommen Hilfs- und Rettungsutensilien. Nach einer Woche kommen Kapitän, Erster Offizier und "Cap Anamur"-Chef gegen zwei Millionen Euro Kaution, bezahlt von der Hilfsorganisation, frei. Zwei Jahre später wird in Italien der Prozess eröffnet.
Für Schmidt stellen sich seitdem andere Fragen. 2004, sagt er, war er "nur Kapitän". Heute - "da wächst man so rein" - engagiert er sich im Namen der ungezählten Flüchtlinge an den EU-Außengrenzen, die allein im Mittelmeer zu Tausenden umkommen. Mit Bierdel zusammen hat er dafür den Verein Borderline gegründet, sammelt Informationen. Wenn, wie gerade erst wieder vor Libyen, hunderte Menschen im Mittelmeer ertrinken, dann fühlt er sich verantwortlich. "Wenigstens hingucken muss man doch", sagt er. Über die Retter soll das nächste Mal am 22. April 2009 zu Gericht gesessen werden. Auf dem Programm in Agrigent stehen einmal mehr die Plädoyers. Für den Mai wurden Urteile in Aussicht gestellt.
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