SCHLESWIG-HOLSTEIN
Ikea
Ein Betonklotz spaltet Altona
Beschmierte Wände und herumliegender Müll prägen das Bild der 70er-Jahre-Bausünde, aus der längst eine Ruine geworden ist. Früher war das mal anders. Da beherbergte das unweit des Altonaer Bahnhofs gelegene Frappant-Gebäude, benannt nach der Frappant Genossenschaft, unter anderem eine Filiale der Kaufhauskette Karstadt. Ein Frequenzbringer, der die Menschen anlockte und von dem die umliegenden Geschäfte profitierten.
Die Große Bergstraße war einst eine zentrale Einkaufsmeile des Stadtteils. Doch das ist Jahre her. 2003 zog Karstadt aus. Das Ende der Kaufhausfiliale war der Anfang vom Niedergang der Großen Bergstraße. Die Menschen blieben weg, die Umsätze der Geschäfte gingen zurück. Diverse Versuche von Investoren, das Gebäude wieder zu beleben, scheiterten. Dann tauchte Ende 2008 Ikea auf.
Angst vor dem Tod einer Einkaufsmeile
Die Pläne des schwedischen Unternehmens sehen einen Abriss des Frappant-Gebäudes und den Neubau eines siebenstöckigen Möbelhauses vor. Auf drei Etagen soll das typische Sortiment ausgestellt werden, die übrigen dienen als Parkdecks. Mit rund 20.000 Quadratmetern Verkaufsfläche wäre die Filiale in Altona größer als diejenige im Stadtteil Schnelsen an der A7. Ikea-Filialen in der Innenstadt gibt es bereits in England und den USA. Aber ein Möbelhaus an einer Fußgängerzone, wie die Große Bergstraße, wäre weltweit einmalig. Rund 70 Millionen Euro, davon zehn für den Kauf der maroden Immobilie, investiert Ikea am Standort Altona sofern die Bürger das Möbelhaus wollen. Doch die Stimmung ist gespalten.
Auf der einen Seite sind die Geschäftsleute. "Pro Ikea" nennt sich die Gruppe, die sich von dem Projekt eine Wiederbelebung der Großen Bergstraße verspricht. Kommt Ikea nicht, so ihre Befürchtung, wäre die einstige Einkaufsmeile endgültig tot. Dem steht eine zweite Bewegung gegenüber. "Kein Ikea in Altona" nennt sich die andere Gruppe, bestehend aus Anwohnern und rund 130 Künstlern, die ihre Ateliers im Frappant-Gebäude haben. Die Gegner fürchten einen Verkehrskollaps in Altona und steigende Mieten durch die Ikea- Ansiedlung. Statt eines Abrisses plädieren sie für den Umbau des Betonklotzes, der kulturell und sozial genutzt werden soll.
Das Hintertürchen beim Bürgerentscheid
Was beide Fraktionen eint: Sie warben in den vergangenen Wochen für ihr Vorhaben, sammelten Unterschriften für einen Bürgerentscheid. Dafür sind 5601 nötig, drei Prozent aller rund 186 000 wahlberechtigten Altonaer. Die Befürworter nahmen vor rund zwei Monaten diese Hürde. Seit Ende Dezember können die Bürger daher über das Projekt abstimmen, am Dienstag um 18.00 Uhr ist Schluss. Doch selbst wenn sich die Mehrheit dafür ausspricht, ist noch nicht klar, ob das Möbelhaus auch gebaut wird.
Ikea will eine deutliche Mehrheit für das Projekt. "Bei 51 Prozent kommen wir nicht nach Altona", sagt Pressesprecherin Simone Settergren. "Wir wünschen uns zwischen 60 und 70 Prozent." Doch selbst dann gibt es noch eine Hürde: die Gegenbewegung. Die gab am Montag (heute) ihre Unterschriftenlisten im Bezirksamt ab, um einen zweiten Bürgerentscheid herbeizuführen. Rechtlich ist das zulässig. Zum Problem für die Politik würde es werden, wenn die Menschen jetzt für und bei einem zweiten Bürgerentscheid gegen Ikea votieren. Ein Unentschieden sieht das Gesetz nicht vor. Aber es gibt ein Hintertürchen.
"Sprechen sich die Bürger jetzt für Ikea aus, muss man abwarten, ob das Projekt anschließend überhaupt noch Angelegenheit des Bezirks ist", sagt Rainer Doleschall, Sprecher des Bezirksamts Altona, vielsagend. Der Hamburger Senat als übergeordnete Instanz hätte die Möglichkeit, die Sache an sich zu ziehen. Ein zweiter Bürgerentscheid wäre dann wirkungslos. Für dieses Modell spricht vor allem der Zeitdruck. Ikea will noch in diesem Jahr das Gebäude abreißen, die Neueröffnung der Filiale ist für Herbst 2012 geplant. Zwar hat das Unternehmen ein Rücktrittsrecht vom Kaufvertrag, allerdings nur bis Februar. Eine Option, wenn sich die Bürger jetzt gegen Ikea entscheiden.
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