SCHLESWIG-HOLSTEIN
Führerschein weg
Die radelnde Hebamme von der Schlei
Missunde. "Ich entschleunige total", sagt Silke Pearl Widera. Sie ist seit 25 Jahren Hebamme in der Schleiregion und eilt für gewöhnlich mit dem Auto über Land, um Kinder auf die Welt zu holen - bisweilen schneller als die Polizei erlaubt. Den vorübergehenden Verlust ihres Führerscheins nimmt sie nun sportlich - im wahrsten Sinne des Wortes. Für vier Wochen tauscht sie Auto gegen Fahrrad.
Fuhr sie mit dem Auto 200 bis 250 Kilometer am Tag, so muss sie sich jetzt doch etwas bremsen. 90 Kilometer am Tag, an extremen Tagen schon mal 125 Kilometer, stehen abends auf dem Kilometerzähler ihres Rennrades. Ihr bisher längster Einsatz führte sie von Missunde über Schleswig nach Ostenfeld, Treia, Jübek, Steinfeld bis nach Holzdorf in Schwansen.
"Mein Punktekonto war einfach voll"
"Mein Punktekonto in Flensburg war einfach voll, es ist schon in Ordnung, dass der Führerschein eine Zeit lang weg ist", sagt sie. Sie wisse, dass sie hin und wieder zu schnell unterwegs sei, aber das bringe der Beruf mit sich. Sie sieht die Zwangspause positiv und freut sich über das Training und die weniger stressige Zeit.
Die umtriebige Frau hat es auch schon zum Top-Ten-Model des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages gebracht, des Wettbewerbs für Frauen ab 45. Zudem joggt Widera seit Jahren jeden Morgen einige Kilometer, bevor sie die Schlei zwei Mal schwimmend durchquert. Ohne das Training hätte sie wohl nicht so einfach auf das Rad umsteigen können, sagt sie.
Immer wieder musste sie scharf bremsen
Die Sicht des Radfahrers auf den Verkehr ist anders als die Perspektive aus dem Auto, das hat sie schon gewusst. Aber jetzt, wo sie täglich auf das Fahrrad angewiesen ist, da merkt sie es noch viel deutlicher. Dabei hat sie schnell gelernt, noch vorausschauender zu fahren. Und dennoch, immer wieder musste sie scharf bremsen, um Unfälle zu vermeiden. Später, wenn sie wieder Auto fahren darf, werde sie Verkehrssituationen besser einschätzen können.
Auch wenn sie mit dem Rad sehr zügig unterwegs ist, so dauert die Anfahrt doch länger als mit dem Wagen. Jetzt hat sie mehr Zeit, sich auf die Frauen vorzubereiten, sagt sie, "das ist auch nicht schlecht". Außerdem sehe man vom Rad aus mehr, sei näher an der herrlichen Landschaft und den Menschen. Auch Zeit für ein Stück Kuchen in den romantischen Cafés am Straßenrand oder frisches Obst vom Wegesrand nimmt sie sich jetzt.
"Ich muss Termine genauer planen"
Der befristete Verlust des Führerscheins macht ihr die Abhängigkeit vom Auto sehr deutlich. "Ich muss viel besser und genauer Termine planen und Routen festlegen", sagt Widera. Dabei profitiert sie von ihrer Ortskenntnis und nutzt auch Schleichwege. Aber auch zu Hause muss alles effektiver geplant werden, damit die drei Kinder und der Ehemann versorgt sind.
Wenn es irgend geht, verzichtet sie darauf, um eine Mitfahrgelegenheit zu bitten. Im Notfall würden ihr Mann und ihr ältester Sohn allerdings helfen. Das kam auch schon vor. So musste Henning (18) sie im Hagelschauer abholen, als ihre Kette angerissen war. Zwei Mal hatte sie auch schon Reifenpannen, das passiert, die Räder sind alt, das eine 25 Jahre. Gut dass sie dann auf ein Zweitrad zurückgreifen kann, so könne das eine repariert werden, wenn sie das andere fährt. Für den Fall, dass eine "ihrer" Frauen nachts entbinden muss, ist ihre schnelle Anfahrt mit dem Auto gesichert, das habe ihr Mann versprochen, berichtet sie. Ansonsten tritt sie in die Pedalen. Aufs Rad umzusteigen gefalle ihr sogar so gut, dass sie vielleicht künftig immer im Sommer ein paar Wochen das Auto stehen lässt, "zum Entschleunigen, das hat was".
Lust auf mehr? Ihre sh:z Tageszeitung jetzt
2 Wochen kostenlos testen.






