SCHLESWIG-HOLSTEIN
Kampnagel Hamburg
Deichkinder spielen im Müll
Wozu wird das gelbe Schlauchboot gebraucht? Antworten gibt es nicht - ebenso wie es nie eine fertige Produktion geben wird. Foto: Brade
Hamburg. Was mag es wohl mit dem gelben Schlauchboot auf sich haben? Oder mit den beiden riesigen Trampolinen? Wozu wird bloß das bunte Mofa gebraucht? Eine Antwort auf diese Fragen gibt es nicht. Denn noch proben die Darsteller der Diskurs-Operette "Deichkind in Müll" in der Hamburger Kampnagelfabrik keine Szene. Sie sitzen um einen großen Tisch, jeder hat einen Laptop vor sich und hört Regisseur Henning Besser alias DJ Phono aufmerksam zu. "Ihr wisst, die Zeit wird knapper", sagt er. "Nächste Woche ist Premiere." Darum muss allmählich entschieden werden, welche Bausteine tatsächlich in die Aufführung aufgenommen werden sollen.
Besser erörtert seine Ideen, dann diskutiert sie das Ensemble, das aus den Deichkind-Musikern und sechs Schauspielern besteht. Alle bringen sich ein, bisweilen werden auch Verbesserungsvorschläge gemacht. "Gerade die Nicht-Bandmitglieder sind viel mehr an der Entwicklung der Inszenierung beteiligt, als es die Größe ihrer Rolle vielleicht vermuten ließe", erklärt der Regisseur. Wobei es nie eine wirklich fertige Produktion geben wird, da ist sich Besser, der in Rendsburg aufwuchs, sicher: "Genau wie bei unseren Konzerten soll jeder Abend anders werden."
Dialoge aus Interviews und Fan-Umfragen
Überhaupt erwartet die Zuschauer kein richtiges Stück. Aus Deichkind-Interviews oder einer Fan-Umfrage werden Dialoge gestrickt. Manchmal präsentieren Ferris MC, Porky und Philipp Grütering mit ihren Mitstreiter auch einfach nonverbale Bilder. "Arbeit wird auf jeden Fall ein Schwerpunkt sein", erläutert Besser. Schließlich waren das Album "Arbeit nervt" und die gleichnamige Single ziemlich erfolgreich. Und dass der Tod des Produzenten Sebastian "Sebi" Hackert auf der Bühne ebenfalls eine wichtige Rolle spielt, versteht sich. Als er 2009 überraschend starb, war die Zukunft der Gruppe zunächst ungewiss. Doch jetzt soll es nach der Diskurs-Operette mit Deichkind weitergehen, allerdings erst nach einer Pause: "Wir sind ja fünf Jahre getourt", sagt Besser. "Nun brauchen wir mal eine Ruhephase, sonst hätten wir nicht mehr die Energie, uns ständig neu zu erfinden."
Das Experimentieren ist etwas, das fest im Deichkind-Kosmos verankert ist. Zum Beispiel pflegen sich die Hamburger für ihre Konzerte Kostüme aus Müllsäcken zu basteln. Der Titel ihrer Inszenierung kommt also nicht von ungefähr: "Wir bewerten neu, was Müll ist und was nicht." Vor allem Besser hat sich recht intensiv mit Fragen rund ums Thema Abfall beschäftigt, zeitweilig arbeitete er sogar in einer Müllsortieranlage: "Ob etwas wertvoll ist oder nicht, kommt doch immer auf die Sichtweise an. Als es in Hamburg noch regulären Sperrmüll gab, da konnten sich die einen das nehmen, was die anderen nicht mehr wollten. Das hatte für mich etwas Demokratisches."
Wie sich solche Gedanken in der Aufführung widerspiegeln, wird sich dann bei der Premiere zeigen. Wahrscheinlich werden sie nicht perfektionistisch in Szene gesetzt, weil die Deichkind-Mitglieder bekennende Dilettanten sind: "Wir können eigentlich nichts richtig", gesteht Besser. "Und haben kein Problem damit, unsere Schwächen zuzugeben."
"Deichkind in Müll" wird Do., 25. Feb., 20.30 Uhr, in der Hamburger Kampnagelfabrik uraufgeführt, Karten: 040/27094949.
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