SCHLESWIG-HOLSTEIN

 

Lübeck

Cap Anamur: Grass mischt sich ein

25. September 2009 | Von Karin Lubowski

Kapitän Stefan Schmidt. Foto: Kröger

"Cap Anamur"-Kapitän Stefan Schmidt rettete 37 Afrikaner vor dem Ertrinken und soll ins Gefängnis. Beobachter sprechen von einem "Skandal". Jetzt hat sich auch Nobelpreisträger Günter Grass eingeschaltet.

Lübeck. Beinahe drei Jahre hat der Prozess um die Rettung von 37 schiffbrüchigen Afrikanern gedauert - in knapp zwei Wochen nun soll auf Sizilien das Urteil im Prozess gegen den Lübecker Kapitän Stefan Schmidt (67) und Elias Bierdel, den ehemaligen Chef der Hilfsorganisation Cap Anamur, gesprochen werden. In Italien drohen Schmidt und Bierdel Haft und vernichtende Geldstrafen.

Zu Hause wächst indessen die Solidarität: Günter Grass hat von der Bundesregierung eine "schützende Begleitung" für den deutschen Kapitän Schmidt gefordert. Das Auswärtige Amt und das Justizministerium sollten Vertreter zur für Anfang Oktober geplanten Urteilsverkündung nach Italien entsenden, sagte der Literaturnobelpreisträger bei einem Podiumsgespräch mit Schmidt in Lübeck. Schmidt habe nichts anderes getan, als in Seenot geratenen Menschen zu helfen, sagte Grass. "Das ist ein Zeichen von Zivilcourage und dafür wünsche ich mir mehr Unterstützung", sagte Grass vor weit mehr als 100 Zuhörern. Anschließend wurde im Lübecker Rathaus eine Fotoausstellung mit dem Titel "Gestrandet - Flüchtlinge an den Südküsten Europas" eröffnet.

"Bandenmäßige Schlepperei"?

Stefan Schmidt ist keiner, der sich ins Bockshorn jagen lässt. Der Prozess aber zerrt an seinen Nerven, Unterstützung kann er gut gebrauchen. "Ich weiß, dass ich alles richtig gemacht habe", sagt Schmidt, "aber ein Verfahren wie das in Sizilien hat man eben ständig im Kopf." Im Mai hoffte er das erste Mal auf ein Ende, dann im Juni, schließlich im Juli. Jetzt ist der 7. Oktober der nächste Termin; dann wird der Prozess zwei Jahre und elf Monate gedauert haben. Je vier Jahre Haft und 400.000 Euro Geldstrafe hatte der Staatsanwalt für Schmidt und Bierdel im April gefordert - immerhin deutlich weniger als die ursprünglich geforderten zwölf Jahre Haft wegen "bandenmäßiger" Schlepperei, wie es zu Prozessbeginn hieß.

Für Schmidt und Bierdel ist indessen klar: "Wir werden überhaupt keine Strafe akzeptieren, weil wir keine Straftat begangenen haben." Was, fragt der Seemann, hätte er denn anders machen sollen? "Ich habe getan, wozu ein Kapitän verpflichtet ist." Unterlassene Hilfeleistung auf See wird mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft.

Lobeshymnen des Staatsanwaltes

Fünf Jahre ist es inzwischen her, dass Schmidt die 37 Männer vor dem sicheren Tod rettete, nach tagelanger von italienischen Behörden erzwungener Odyssee in Sizilien an Land brachte - und mit Bierdel und seinem Ersten Offizier vom Fleck weg für eine Woche in Untersuchungshaft genommen wurde. Als die drei Männer freikamen, hatten der damalige deutsche Innenminister Otto Schily und sein italienischer Amtskollege die Rettungsaktion bereits unisono als "gefährlichen Präzedenzfall" bezeichnet.

Seitdem ist in Schmidts Leben nichts mehr so wie es vorher war. Der Lehrer an der Seemannsschule Schleswig-Holstein fährt seit Prozessauftakt zu angekündigten Gerichtsterminen. Die Geschütze der Anklage hat er dort zerbröseln sehen, hat sogar Lobeshymnen des Staatsanwalts entgegengenommen. Der Prozess ist trotzdem nicht eingestellt worden.

Ehrung für Zivilcourage

Dafür ist Schmidt mit jedem Prozesstag zielstrebiger geworden. Aus Neugierde heuerte er einst auf der "Cap Anamur" an. Heute sind die Schicksale der Bootsflüchtlinge, die jedes Jahr bei ihrer Flucht vor Gewalt, Hunger und Armut zu tausenden sterben, Teil seines Lebens. Mit Bierdel ist Schmidt Mitbegründer des Vereins "borderline europe" (www.borderline-europe.de). Einen "gefährlichen Präzedenzfall" sieht er woanders: Im italienischen Prozess, den er einen "politischen" nennt, und der dazu beigetragen habe, dass einige Kapitäne nicht mehr so genau hingucken, wenn etwas im Mittelmeer treibt.

Als gewollt spektakulär kam die Rettungsaktion der "Cap Anamur" 2004 zunächst in die Wohnstuben der Deutschen. "Uns wurde Mediengeilheit vorgeworfen", sagt Schmidt. "Natürlich war das Quatsch." Die anfänglich negative Stimmung ist umgeschlagen. Vom Prozess sprechen Beobachter längst als einem "Skandal"; in diesem Frühling hat die Lübecker Bürgerschaft einstimmig eine Protest-Resolution verabschiedet; Polit-Urgesteine wie Wolfgang Thierse und Björn Engholm springen für die verfemten Retter in die Bresche, Bürger sammeln Unterschriften.

Und: Was in Italien als schwere Straftat verhandelt wird, ist anderen eine Ehrung wert. Nach der Auszeichnung mit dem Menschenrechtspreis der Stiftung ProAsyl erhält Schmidt nun einen der bedeutendsten Menschenrechtspreise überhaupt: In Berlin wird ihm am 13. Dezember die Carl-von-Ossietzky-Medaille der Internationalen Liga für Menschenrechte verliehen - für den Beweis außerordentlicher Zivilcourage. Nicht, weil der die 37 Menschen gerettet hat - das, so sagt er selbst, ist seine Pflicht gewesen -, sondern, weil er nicht aufhört, auf das Flüchtlingssterben an Europas Grenzen hinzuweisen.

Die Ausstellung "Gestrandet - Flüchtlinge an den Südküsten Europas" ist bis zum 27. September im Lübecker Rathaus, vom 15. bis 27. November in der Lübecker Jakobikirche und vom 3. März 2010 an im Lübecker Museum Burgkloster zu sehen.


 

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