SCHLESWIG-HOLSTEIN

 

Leuchtturm-Hochzeit

"Alles steht und fällt mit dem Käpt'n"

20. Mai 2008 | 11:23 Uhr | Von Sönke Möhl, dpa

Kapitän Wilfried Eberhardt und seine Lebensgefährtin Barbara Küchler vor ihrem Haus auf der nordfriesischen Insel Pellworm. Foto: dpa

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Die Premiere hat er noch vor Augen: 1998 hat Kapitän Wilfried Eberhardts sein erstes Brautpaar getraut. Nicht in einer Kirche, sondern auf dem Pellwormer Leuchtturm.

Vom Garten seines schmucken Hauses aus geht Kapitän Wilfried Eberhardts Blick zum Pellwormer Leuchtturm, der sich rot, weiß und groß aus der grünen Landschaft erhebt. Dort hat er in zehn Jahren fast 2300 Paare symbolträchtig in den Hafen der Ehe begleitet. "Noch ist kein Ende in Sicht", sagt der 69-Jährige, denn nicht nur die 140 Stufen ins Trauzimmer halten ihn fit. Die dankbaren Reaktionen der Männer und Frauen, die oft noch lange später kommen, empfindet Eberhardt, der von seiner Lebensgefährtin Barbara Küchler bei der Organisation unterstützt wird, als Ermutigung und Ansporn zum Weitermachen. "Ich kann das manchmal gar nicht fassen", sagt er. "Ich sehe das erste Paar noch vor mir."

Begonnen hat alles mit gleich mehreren Wendungen des Schicksals. Nach vielen Jahren auf See - als Kapitän auf Frachtschiffen und als Offizier bei seismischen Messungen - ging der in Stolpmünde in Pommern geborene Eberhardt von Bord. Eine Handverletzung zwang ihn in den Vorruhestand. 1993 traf er seine Jugendliebe Barbara wieder. "Wir hatten uns schon 1957 im Kieler Yachtclub verlobt", erzählt der 69-Jährige mit strahlendem Blick. Barbara Küchler greift die Geschichte auf, weil sie - wie beide versichern - Voraussetzung für die Leuchtturmhochzeiten ist. "Wir haben eine gemeinsame Großmutter und kennen uns daher schon seit Kindertagen", berichtet Küchler. Die Verlobung habe ihr die Familie dann aber wieder ausgeredet und der junge Seemann Eberhardt war monatelang unterwegs. Kurzum: Bei der Rückkehr fand er seine Liebe mit einem anderen Mann verheiratet und ihre Wege trennten sich für viele Jahre.

"Wir haben wohl beide Seewasser in den Adern"

Mehr als drei Jahrzehnte später, sie zweifache Mutter, Witwe und Leiterin eines Studienzentrums an einer Fernuniversität, er kurz vor der Scheidung, waren sie entschlossen, ihr Versprechen doch noch einzulösen und zusammenzubleiben. "Als wir uns wiedersahen war es wie 1957", erzählt Küchler. Pellworm kam dann eher als Gelegenheit denn als Plan - noch ohne konkrete berufliche Aussichten erwarben sie ein wunderbares altes Haus mit einem Garten voller Obstbäume und Blumen am Schardeich. "Wir wussten nur, am Wasser muss es sein, wir haben wohl beide Seewasser in den Adern."

Wieder kam der Zufall zu Hilfe. Das Wasser- und Schifffahrtsamt suchte jemanden, der den gerade für die Öffentlichkeit freigegebenen Leuchtturm auf der nordfriesischen Insel betreuen könnte. "Die wollten einen haben, der für den Turm verantwortlich ist." Bald folgten erste Besichtigungen. "Das hat mir sehr viel Spaß gemacht", sagt der Kapitän, der mit kurz geschnittenen grauen Haaren und ebenso kurzem grauen Bart noch immer aussieht, als wollte er mit der nächsten Flut in See stechen.

"Alles steht und fällt mit dem Käpt"n"

Die erste Turmhochzeit im Jahr 1998 geht auf die Initiative des Brautpaares zurück, das sich nach einer Besichtigung unbedingt dort das Ja-Wort geben wollte. Schon nach einer Woche hatte Eberhardt alles organisiert. Bereits das erste Jahr brachte weitere 35 Hochzeiten. Und dann immer mehr. "Meine Frau hat die Dekoration übernommen, alles mit Dingen von Pellworm ausgestattet." Netze aus der Nordsee, Reet, hochwertige Textilien und viele liebevolle Details schmücken die beiden Etagen, auf denen die auf zehn Personen beschränkten Gesellschaften ihre Feier erleben.

"Alles steht und fällt mit dem Käpt"n", betont Küchler. Wenn auch ein Standesbeamte für den offiziellen Teil sorgt, Eberhardts maritim geprägte Zeremonie ist es, die den Paaren im Gedächtnis bleibt, die sie im Gästebuch loben und die immer neue Heiratswillige nach Pellworm auf den Leuchtturm lockt. "Ich sage etwas über die Bedeutung des Leuchtturms für die Seefahrt und bringe das in den Zusammenhang mit der Ehe", erklärt Eberhardt. Dann geht es mit traditionellem Glasen, dem Schlagen der Schiffsglocke zum Wachwechsel, vom Junggesellenleben in die Ehe.

Bis 2010 gibt es bereits Anfragen und Termine, monatelang ist alles ausgebucht. Mehr als maximal 40 Trauungen pro Monat sind nicht möglich. "Jede Hochzeit braucht mehrere Stunden Vorbereitung", meinen beide nach kurzer Überschlagsrechnung. "Die Arbeit mit glücklichen Menschen motiviert unheimlich, wir kriegen viel von ihnen zurück", sagen beide und schieben jeden Gedanken ans Aufhören weit von sich weg.


 

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