SCHLESWIG-HOLSTEIN
Prozess
Ahnungslose Tierschützer betrogen
Hamburg. Was einmal klappt, um tierliebe Mitmenschen abzuzocken, könnte auch ein zweites Mal Geld bringen. So mögen die beiden Männer gedacht haben, die sich seit gestern wegen gewerbsmäßigen Betrugs vor dem Hamburger Landgericht verantworten müssen. Die Staatsanwältin wirft ihnen vor, etwa 15 000 Mitglieder des Tierschutzvereins "Arche 2000" mit gefälschten Lastschrifteinzügen um insgesamt mehr als 600 000 Euro geprellt zu haben.
Es ist ein seltsam ungleiches Duo, das sich im Strafjustizgebäude seinen Richtern stellt. Jens Christian D. (44), ganz der Typ Manager: dunkler Anzug, gesetzte Worte, einst Finanzbeamter und Unternehmensberater. Ihm zur Seite Wolfgang K. (57), mehr der schlichte Charakter: große Tätowierung auf der Hand, Kordjacke und Schlappen, mehrfach vorbestraft, Tischler. Was sie zu mutmaßlichen Komplizen werden ließ, muss das Verfahren noch klären.
Gesamtschaden: 9,2 Millionen Euro
Aussagen zum Tatvorwurf machten die Angeklagten gestern nicht. Klar ist aber, dass beide einst für "Arche 2000" tätig waren. Jenen skandalträchtigen Tierschutzverein mit ausgeprägtem Profitstreben, der 2005 mit kriminellen Machenschaften bundesweit für Erschrecken sorgte.
Vereinsgründer Eduard ("Eppy") G. (55) aus Tornesch (Kreis Pinneberg) hatte damals Zehntausende Tierliebhaber nach Strich und Faden um ihr Geld gebracht. Die Methode war so simpel wie dreist: Der Verein ließ sich von den Mitgliedern Einzugsermächtigungen für die Jahresbeiträge geben, buchte dann aber einfach höhere Beträge ab. Gesamtschaden: 9,2 Millionen Euro, die G. in Yacht, Nobel-Karosse und eine Finca in Spanien steckte. Anfang 2006 verurteilte ihn das Landgericht Lübeck zu einer Haftstrafe von sechs Jahren und neun Monaten. Jens Christian D. war als Vorsitzender der "Arche 2000 Welt-Tierhilfe" in Seeth-Ekholt (Kreis Pinneberg) längere Zeit die rechte Hand von "Eppy" G. Im damaligen Prozess kam er als Mittäter mit zwei Jahren auf Bewährung davon.
Die einzelnen Beträge lagen betont niedrig
Schon Ende 2003 habe er die "Arche" verlassen, berichte D. gestern vor Gericht - "wegen der vielen Unregelmäßigkeiten". Die Methode des großen Zampanos "Eppy" G. allerdings hatte der ehemalige Finanzbeamte offenbar mitgenommen. Laut Anklage brachte der zweifache Familienvater Mitgliedsdaten des "Arche 2000"-Ablegers in Strasburg (Mecklenburg-Vorpommern) an sich. Daraus habe D. "betrügerische Lastschrifteneinzüge" erstellt, ohne dass die Mitglieder davon etwas ahnten. Erstmals im Oktober 2004 habe der Angeklagte über eine Hamburger Bank Beträge von den Konten der Tierschützer abbuchen lassen.
Die einzelnen Beträge lagen betont niedrig, zwischen 9,99 Euro und 69,99 Euro. Kleinvieh machte gleichwohl auch diesmal Mist, die Beute summierte sich auf 114 000 Euro. Gebucht wurde das Geld laut Anklage auf Konten des Mitangeklagten Wolfgang K. aus Hanerau-Hademarschen (Kreis Rendsburg-Eckernförde). Der war als Bauleiter für die Sanierung von "Arche"-Tierheimen verantwortlich.
Weil die Masche so reibungslos funktionierte, legte das Duo laut Anklageschrift noch drei Mal nach, kassierte bei den Mitgliedern zunächst 195.000, dann 296.000 Euro. Beim letzten Versuch im Januar 2005, als 217.000 Euro eingezogen werden sollten, wurde die Bank misstrauisch. Viele der geschröpften Mitglieder hatten den Braten gerochen, die Lastschriften widerrufen.
Der Prozess wird fortgesetzt. Das Urteil soll Mitte Dezember gesprochen werden.
Lust auf mehr? Ihre sh:z Tageszeitung jetzt
2 Wochen kostenlos testen.





