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Schleswig-Holstein am Sonntag

25. Oktober 2014 | 03:22 Uhr

Kriminalität : Straffällig im Seniorenalter

vom

Alter schützt vor Torheit nicht - und offenbar auch nicht vor Straftaten. In Schleswig-Holstein werden zunehmend Rentner als Tatverdächtige ermittelt.

Kiel | Ladendiebstahl, Beleidigung, Körperverletzung - in Schleswig-Holstein gibt es immer mehr Senioren, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Das geht aus der Statistik des Landeskriminalamts (LKA) in Kiel hervor. Demnach lag der Anteil der Tatverdächtigen im Alter von über 60 Jahren 2006 bei 6,6 Prozent, 2011 betrug er 7,7 Prozent. In absoluten Zahlen ist das - ausgehend vom Jahr 2006 mit 5283 Fällen - ein Anstieg um 510 Fälle. Und dies steht im Kontrast zu einem kontinuierlichen Rückgang der Zahlen von insgesamt 79.628 Tatverdächtigen im Jahr 2006 auf noch 75.356 im vergangenen Jahr.
Neben den oben aufgeführten Delikten liegt der Prozentanteil der Omas und Opas an den Gesamt-Tatverdächtigen laut LKA auch in den Bereichen Umweltstraftaten (unerlaubter Umgang mit gefährlichen Abfällen), Nötigung im Straßenverkehr und Tankbetrug signifikant hoch. "Bei den jugendtypischen Delikten wie Sachbeschädigung durch Graffiti, Rauschgiftdelikten und Raub treten die über 60-Jährigen dagegen nicht in Erscheinung", so LKA-Sprecherin Heike Bredfeldt-Lüth.

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"Jede erdenkliche Möglichkeit, Blödsinn zu machen"

Den demografischen Wandel sieht Prof. Bernd Maelicke, der als Kriminologe an der Leuphana Universität Lüneburg lehrt, als wichtigste Ursache für die zunehmende Zahl von älteren Straftätern. Es gebe immer weniger junge Menschen und immer mehr Ältere, das wirke sich auch auf die Kriminalitätsstatistiken aus. "Zudem ist unsere Lebenserwartung auf mittlerweile über 80 Jahre angestiegen", sagt Maelicke. "Während früher die Menschen nach dem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben relativ schnell starben, nehmen sie heute noch gesund und mobil 15 bis 20 Jahre lang als aktive Senioren am Leben teil. Da haben sie natürlich auch jede erdenkliche Möglichkeit, Blödsinn zu machen."
Auffällig ist für Maelicke der steigende Anteil an alten Frauen bei Warenhaus-Diebstählen sowie Betrugsdelikten im Zusammenhang mit Bestellungen über das Internet. Das sei alles Kriminalität auf niederem Niveau, zum Teil auch durch Altersarmut bedingt. "Oft sind das Ersttäterinnen, die im Alter unterversorgt sind und dann immer wieder auffällig werden. Irgendwann landen die dann im Gefängnis", berichtet Maelicke. "In den meisten Fällen völlig harmlose liebe alte Damen, oft ganz allein und einsam." Auch die Männer würden im Alter nicht durch Mord und Totschlag auffallen. "Hier geht es dann erfahrungsgemäß häufig um Vermögensdelikte und Versicherungsbetrug."

Justizbeamte als Seniorenbetreuer

Ganz anders sehe es allerdings in den Gefängnissen aus. Dort fänden sich vermehrt Täter mit langen kriminellen Karrieren und gravierenden Delikten. "Dies hat zur Folge, dass sie längere Haftstrafen verbüßen, diese Menschen sind trotzdem gefährlich und werden dann eben auch im Gefängnis alt." Maelicke spricht in dem Zusammenhang von einer zunehmenden Haftempfindlichkeit mit ansteigendem Alter. "Ältere Insassen leiden zum Beispiel mehr unter kleinen Räumen, unter schlechten sanitären Bedingungen, unter Lärm und Temperaturschwankungen. Da muss man sich an Pflegeheimen orientieren, die Beamten im Vollzugsdienst müssen dementsprechend in der Betreuung von Senioren geschult werden." Jene reiche von einer veränderten Ernährung bis hin zur Pflege. Bei Bettlägerigen müsse dann allerdings die Haftfähigkeit infrage gestellt werden, eine Verlegung ins Altersheim sei dann oft die letzte Lösung.
In den USA gibt es laut Maelicke bereits spezielle Gefängnisse für ältere Straftäter. "Dort sind direkt Pflegeheime und sogar Gefängnisfriedhöfe angeschlossen, ich sehe das allerdings eher als ein abschreckendes Beispiel." Anders sei es in einem Gefängnis für Senioren im baden-württembergischen Singen. "Für die Insassen gibt es Programme mit Krankengymnastik und einen großen Garten, in dem sie sich beschäftigen können."

Umbauten für Rollstuhlfahrer

Besondere Einrichtungen für ältere Insassen gibt es in Schleswig-Holstein nicht. Maelicke erinnert sich nur an einen einzigen Fall aus Lübeck, als für einen Rollstuhlfahrer sehr teure Umbauten in einem Gefängnis vorgenommen wurden.
Das Justizministerium in Kiel gibt sich zu diesem Thema entspannt: "Wir beobachten die Entwicklung der älteren Gefangenen aufmerksam", heißt es in einem Statement. Es habe nach vorliegenden Zahlen in den vergangenen zehn Jahren keinen Anstieg der Gesamtzahlen älterer Gefangener gegeben. "Trotzdem sind bereits erste Maßnahmen ergriffen worden, etwa durch besondere Schulungen von Personal. Auch bei Bauprojekten wird hierauf geachtet."
Maelicke betont den besonderen Status Schleswig-Holsteins in puncto Kriminalität: "Bundesweit sitzen 85 von 100.000 Menschen im Gefängnis - in Schleswig-Holstein sind es nur 47. Damit liegen wir nicht nur in Deutschland auf Platz eins, sondern auch in ganz Europa an der Spitze."

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erstellt am 17.Dez.2012 | 07:23 Uhr

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