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Schleswig-Holstein am Sonntag

25. Juli 2014 | 13:17 Uhr

Mediensucht : Online ohne Ende

vom

Wenn das Internet die Kontrolle über den Nutzer gewinnt: Onlineabhängigkeit wird zu einem ernst zu nehmenden Problem in Deutschland. Computerspiele und Soziale Netzwerke haben das höchste Suchtpotenzial.

Bredstedt | Was kann man in 5724 Stunden tun? Eine Sprache lernen? Einen Bestseller schreiben? Ein Haus bauen? Der Nutzer „mihmei“entschied sich, ein Spiel zu spielen. 5724 Stunden verbrachte er vor seinem PC sitzend auf den Schlachtfeldern des beliebten Egoshoters „Battlefield 3“ – tötete virtuell 255.170 Mitspieler. Die öffentliche Rangliste von Herausgeber „Electronic Arts“ weist ihn damit als den Spieler mit der weltweit höchsten Spielzeit aus – ein Ergebnis, auf das man stolz sein kann?

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„Sicher nicht“, sagt Florian. Zusammen mit Ole* sitzt er in einem nüchtern eingerichteten Büro der Fachklinik Nordfriesland in Bredstedt. Das Haus in der Schleswigschen Geest ist bekannt für die Therapie von Abhängigkeitserkrankungen. Deshalb sind sie hier. Ein Team um Dr. Rainer Petersen, Leiter der Rehabilitation, hilft Menschen, die in eine Mediensucht gerieten und sich aus eigener Kraft nicht mehr befreien können. Seine Diagnose: „Das Problem nimmt zu. 2004 haben wir noch einige wenige Einzelfälle behandelt. Dieses Jahr werden es vermutlich schon 30 Patienten sein.“

Florian und Ole haben wie der Online-Soldat „mihmei“ viel Zeit in digitalen Parallelwelten verbracht, in denen es darum ging, der Beste zu sein. „Zu viel Zeit“, sagt der 25-jährige Ole aus Kiel. „Am Ende saß ich 14 Stunden am Tag vorm Rechner. Mit Speed und Kokain habe ich mich aufgeputscht. Freunde hatte ich nur noch in der Community.“

Damit teilt Ole das Schicksal einer immer weiter zunehmenden Zahl der Internetnutzer: 560.000 Deutsche sind internetabhängig. Etwa 2,5 Millionen Internetnutzer gelten als problematisch. Das haben Forscher der Universität Lübeck im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit 2011 anhand statistischer Erhebungen geschätzt. Eine jetzt veröffentlichte zweite Studie bestätigt diese Ergebnisse. Damit gibt es erstmals aktuelle Zahlen für eine Störung, über die bisher nur in Dunkelziffern gesprochen werden konnte. Ein Prozent der Bevölkerung zwischen 14 und 65 Jahren weisen demnach ein krankhaftes Nutzungsverhalten auf. Betrachtet man nur die 14- bis 16-Jährigen sind es sogar vier Prozent. „Das Phänomen kann problematischer werden als das pathologische Glücksspiel. Der Behandlungsbedarf wird noch weiter steigen“, prophezeit Petersen.

„Computerspiele sind absolut im Mainstream angekommen. Früher war man als Gamer noch ein Außenseiter. Heute machen das fast alle“, sagt Florian. Auch der 22-Jährige verbrachte die Zeit zwischen Aufstehen und Schlafengehen vor dem Bildschirm. Vor allem im Onlinespiel „League of Legends“. Mit Drogen hatte er keine Probleme. Sein Studium an der Kieler Universtät drohte an einer Prüfung zu scheitern. „Je näher der Termin rückte, desto mehr habe ich gespielt. Im Team hatte ich meine feste Rolle und konnte schnell aufsteigen.“ In der Realität blieben die Erfolge aus. Zweimal fiel Florian durch.

Die reine Nutzungsdauer ist Experten zufolge nicht ausschlaggebend als Kriterium für eine Internet- und Computerspielsucht. Wer mehrere Stunden am Tag vor dem Bildschirm verbringt, muss nicht unbedingt gefährdet sein. Der Umgang mit Computern und dem Internet lässt sich heute kaum noch vermeiden und wird in vielen Bereichen des Lebens mittlerweile sogar vorausgesetzt. Wichtig ist, dass die Technik nicht eine Dominanz im Alltag aufbaut. Kontrollverlust ist eines der wichtigsten Merkmale von Medienabhängigkeit: „Sobald man anfängt, sein Umfeld und sich selbst zu vernachlässigen, kann man von einer Gefährdung ausgehen. Dann ist es meistens schon zu spät“, erklärt Petersen. Auch Florian musste diese Erfahrung machen: „Die Tage vor der Prüfung waren der Horror – aber auch eine Erleuchtung.“ Denn erstmals gelangte der Student zu der Erkenntnis: „Ich brauche Hilfe.“

Über eine Recherche im Internet fand Florian das Angebot der Stadtmission Kiel. Die Evangelische Kirche hat dort als eine von drei Fachstellen in Schleswig-Holstein einen Anlaufpunkt für Medienabhängige geschaffen und kooperiert eng mit der Fachklinik Nordfriesland. Auch hier ist ein zunehmender Beratungsbedarf spürbar: „2012 hatten die drei Fachstellen in Kiel, Bad Segeberg und Schleswig 180 Klienten. Die Tendenz ist steigend“, berichtet die Pädagogin und Suchtberaterin Susanne Schneider. Sie rät Angehörigen, sich professionelle Beratung zu suchen, wenn Hobbys, Freunde, Schule oder die Arbeit vernachlässigt werden. „Über Fragebögen können wir verifizieren, ob es sich um eine Abhängigkeit oder Störung handelt. Gemeinsam schauen wir dann, wie ein verantwortungsbewusster Umgang mit Medien stattfinden kann.“ Eine komplette Abstinenz wie bei Alkoholabhängigen ist bei Internetsüchtigen kaum möglich, bestätigt Schneider, „aber man kann das Verhalten am PC steuern.“ Dr. Rainer Petersen schlägt eine selektive Abstinenz vor, denn zumindest auf Computerspiele könne man verzichten, ohne einen gesellschaftlichen Nachteil daraus zu ziehen.

Bisher gingen Experten davon aus, dass vor allem junge Männer wie Ole (25) und Florian (22) zur Risikogruppe vor den Bildschirmen gehören. Die neue Studie aus Lübeck zeigt: Auch Frauen und vor allem Mädchen hat die Internetsucht erreicht. Während der Anteil bei den Männern 1,2 Prozent beträgt, sind es bei den Frauen 0,8 Prozent.

Im Fokus von Forschung und Betreuungsangeboten standen bisher Computerspiele. 37 Prozent der Befragten gaben an, dass sie das Internet hauptsächlich hierfür nutzen. Doch die Beliebtheit von Facebook und Twitter spiegelt sich auch in den Ursachen für eine Internetabhängigkeit wider: 37 Prozent – und hier vor allem Frauen und Mädchen – gaben an, dass sie die Zeit im Internet hauptsächlich in sozialen Netzwerken verbringen. Exzessives Computerspielen bleibt der Studie zufolge eine Domäne der Männer.

Der Weg raus aus der Sucht ist schwer, das mussten auch Ole und Florian erfahren. Aber der erste Schritt ist getan, die Einsicht vorhanden. Mit Blick auf die vergangenen Jahre sagt Florian: „Früher habe ich gerne Gitarre oder Klavier gespielt. Hätte ich das nicht vernachlässigt, könnte ich heute sehr gut darin sein. Nüchtern betrachtet gibt es keinen Grund, so viel Zeit in ein Computerspiel zu stecken.“

* Namen von der Redaktion geändert.

Fachstellen in Schleswig-Holstein:
Stadtmission Kiel, Suchthilfezentrum Schleswig, Suchtberatungsstelle Bad Segeberg, weitere Stellen

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von Tobias Fligge
erstellt am 22.Sep.2013 | 14:35 Uhr

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01. | Christoph Hirte | 25.09.2013 | 11:03 Uhr
Netzwerk für Ratsuchende bei Mediensucht

Seit 6 Jahren sind wir (Elterninitiative rollenspielsucht.de und AKTIV GEGEN MEDIENSUCHT e.V.) im Bereich der Selbsthilfe aktiv. So ist u.a. auch ein Merkblatt "Erste Schritte bei Mediensucht" entstanden, da meist die Verzweiflung und Ohnmacht der betroffenen Familien enorm groß ist. Es gibt unendlich viele Familien, in denen Kinder, aber auch Familienväter völlig abgerutscht sind oder an der Schwelle dazu stehen. Besonders angespannt ist die Situation bei alleinerziehenden Müttern.

Da es schwierig ist, Stellen zu finden, gibt es das Netzwerk für Ratsuchende (www.netzwerk-fuer-ratsuchende.de). Dort gibt es schon über 380 (eigen-)Einträge, davon ca. 170 Suchtberatungsstellen. Weiter: Kliniken, Ärzte, Therapeuten, Netzwerke, Präventionsstellen, Ambulanzen, Offline-Alternativen, etc. und Info- und Austauschforen. Am meisten lernen kann man von über 200 Aussteigerberichten.

Diese Selbsthilfearbeit wurde im aktuellen Sucht- und Drogenbericht der Bundesregierung als vorbildliches Engagement vorgestellt und gewürdigt.
auch: www.aktiv-gegen-mediensucht.de und www.rollenspielsucht.de (über 1,1 Mio. Zugriffe - auf beiden Seiten täglich über 800)

Christoph Hirte, Initiator

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