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Schleswig-Holstein am Sonntag

30. Juli 2014 | 02:56 Uhr

Interview : "Die Freude am Quälen"

vom

Was sind das für Menschen, die Tiere quälen? Unsere Autorin Heike Wells hat Diplompsychologin Dr. Andrea M. Beetz (37) zum Interview getroffen.

Frau Dr. Beetz, was sind das für Menschen, die Tiere quälen?
So einfach lässt sich das nicht sagen, denn Tierquälerei geschieht in den unterschiedlichsten Formen und aus den unterschiedlichsten Motiven heraus. Dies kann der Wunsch nach Kontrolle über das Tier oder auch dessen Besitzer sein. Rachegelüste und Wut sind kein seltener Grund für geplante oder spontane Akte von Tierquälerei. Auch das "Benutzen" des Tieres, um andere einzuschüchtern wie im Falle eines dafür scharf gemachten Hundes fällt unter Tierquälerei. Missbrauchte Kinder können Tiere quälen, um den Missbrauch an einem noch Schwächeren auszuleben oder im posttraumatischen Spiel zu bearbeiten. Unter Jugendlichen führt oft ein Gruppendruck zu entsprechenden Taten. Und, ja, es gibt auch die "Freude am Quälen" an sich - das wahrscheinlich für uns alle erschreckendste Motiv.
Besteht ein Zusammenhang zwischen der Gewalt gegen Tiere und zwischenmenschlicher Gewalt?
Ja, eine wachsende Zahl von Studien belegt diesen Zusammenhang. Täter, die in der Kindheit oder Jugend Tiere gequält haben, zeigen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit auch Gewaltbereitschaft gegenüber Menschen. Und je früher in der Kindheit und je häufiger Tiere misshandelt werden, desto häufiger findet sich später auch zwischenmenschliche Gewalt.
Heißt das, wer Tiere quält, quält auch Menschen?
Nein. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass jeder, der in der Jugend ein Tier gequält hat, zum Gewaltverbrecher wird. Man muss genauer hinschauen. Relevant sind etwa die Absicht, die hinter dem Verhalten steht, und der Kontext der Tat, beispielsweise ob sie allein oder in der Gruppe begangen wurde. Auch die betroffene Tierart spielt eine Rolle. Zudem muss bei der Tierquälerei, wie bei der Gewalt gegen Menschen, zwischen physischem, sexuellem und psychischem Missbrauch differenziert werden. Auch haben einmalige Akte nicht unbedingt viel Aussagewert, denn gerade bei Kindern kommt es vor, dass sie geschockt sind, wenn sie die Folgen des eigenen Verhaltens sehen. Als deutliches Warnzeichen sollten aber mit voller Absicht begangene wiederholte Quälereien sein. Die kann man durchaus als Psychopathie-Faktoren betrachten. Nicht umsonst steht die Tierquälerei im diagnostischen Manual, in dem Handbuch also, das die Diagnosekriterien für eine Verhaltensstörung festlegt.
Sie sprachen vorhin von der "Freude am Quälen"...
Sie ist als besonders aussagekräftig im Hinblick auf mögliche zwischenmenschliche Gewalt zu bewerten. Es ist ein unspezifischer Sadismus, der auch sexuell motiviert sein kann. Wenn so etwas bei Kindern und Jugendlichen auftritt, muss man auf jeden Fall therapeutisch eingreifen.
Sollte bei Tierquälerei der jeweilige Hintergrund des Täters also genauer untersucht werden?
Ja. Um es noch einmal zusammenzufassen: Fällen von Tierquälerei nachzugehen, kann wichtige Hinweise auf ein von Gewalt und Missbrauch geprägtes Umfeld, auf Gewaltkriminalität oder eine psychiatrisch relevante Störung des Täters liefern.
Werden diese Zusammenhänge bei der Verfolgung der entsprechenden Straftaten ausreichend berücksichtigt?
Rechtlich steht Tierquälerei nach dem Tierschutzgesetz unter Strafe sowie als Sachbeschädigung laut Strafgesetzbuch. So sind die juristischen Möglichkeiten definiert. Als ausgesprochen positiv sehe ich jedoch, dass immer häufiger am Ende entsprechender Prozesse nicht einfach eine Verurteilung nach Tierschutzgesetz steht, sondern zusätzlich eine psychiatrische Begutachtung des Täters, eventuell auch eine Einweisung in die forensische Psychiatrie angeordnet wird. Denn es gibt krasse Fälle von wiederholter, absichtsvoller Tierquälerei, die ein echtes Alarmsignal und Hinweis auf eine schwere Störung des Täters sein können - und damit auch auf seine mögliche Gefährlichkeit.

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von Heike Wells, Schleswig-Holstein am Sonntag
erstellt am 06.Jan.2013 | 02:38 Uhr

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