SYLTER RUNDSCHAU
"Schlechte Texte sind Texte ohne Herz"
"Hauptsache, es fühlt sich gut an": Laurin Buser (re.) mit seinem Marburger Slam-Kollegen Sulayman Masomi
Sylt. Langeweile während der Sommerferien? Keine Chance! Anfang August können Sylter Jugendliche in einem "U20-Slam-Workshop" lernen, wie man gekonnt coole Sprüche klopft und diese dann auch vor großem Publikum vorträgt (siehe Infokasten). "U 20" ist die Slam-Liga der unter 20-Jährigen, die beim Poetry-Slam mit ihren Texten zum Weinen, Lachen oder Nachdenken anregen möchten.
Einer der derzeit besten deutschsprachigen Nachwuchs-Slammer ist der 17-jährige Schweizer Laurin Buser, der beim letzten Poetry-Slam in der Galerie länge*breite sein Talent auch auf Sylt unter Beweis stellte.
Strahlend lächelt er ins Publikum, beginnt mit einem schlichten "Hallo, ich bin aus der Schweiz!" Lässig gekleidet steht er auf der Bühne. Gemusterter Hut auf den schwarzen Haaren, dazu ein Kapuzenpulli im gleichen Blau wie die leuchtenden Augen im jungenhaften Gesicht, trägt er seine Reime vor. "Auf etwas Neues seien sie jetzt Stolz - sie hätten jetzt Computer, nur seien die aus Holz. Und die Moral von der Geschicht’? Selbstironisch sind Waldorfschüler nicht". Sagt es und beweist - selbst Waldorfschüler - das Gegenteil.
Laurin begeistert das Publikum nicht nur mit Selbstironie, sondern auch mit humorvoll-tiefgründigen Beiträgen - vorgetragen in klarstem Hochdeutsch. Mal redet er leise, dann wieder laut, spricht erst langsam und deutlich, dann so schnell, dass er kaum zu verstehen ist. Er schmettert die Sätze ins Publikum, ist atemlos, hält inne, rappt und reimt. Die Worte, frei vorgetragen, unterstreicht er gekonnt mit Mimik und Gestik und zieht das Publikum in seinen Bann.
Laurin ist nicht nur der jüngste sondern zweifelsfrei auch der professionellste Teilnehmer unter den neun Slammern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Mehr als drei Stunden wird von den ausnahmslos männlichen Teilnehmern mit Worten förmlich geschossen.
Von Beichten per SMS wird berichtet, vom Singledasein, von Depressionen ("Ich werde häufiger gefragt, warum ich so oft über Depressionen spreche. Ganz einfach, weil man sich an diesem Thema so gut aufhängen kann"). Tabuthemen gibt es bei Slammern nicht und schwarzer Humor ist sehr beliebt: "Cool ist, wenn man mit Nachnamen Krebs heißt und an Aids stirbt".
Manche halten sich an diesem Abend sehr im Hintergrund, lassen nur ihre Worte sprechen, verziehen kaum eine Miene. Andere übertrumpfen mit Gestik und Stimme die eigenen Texte. Laurin Buser schafft die perfekte Mischung und gewinnt die Slam-Gala.
Ein bisschen muss ihm die Begabung in den Genen liegen. Die Eltern sind Schauspieler, die Schwester und der Halbbruder erfolgreich im Tanzbusiness. Auch Laurin möchte einen kreativen Beruf erlernen, die Schauspielschule ist sein Ziel. Im Rampenlicht zu stehen, ist er bereits gewohnt, scheint Lampenfieber nicht zu kennen. Momentan besucht er fast wöchentlich einen Gedichtwettkampf und spielt außerdem an der Seite von Hubert Kronlacher am Züricher Rigiblick Theater in "Das Herz des Boxers". Ein Zwei-Personen-Stück, in dem es um einen 17-Jährigen und einen 85-jährigen geht, die sich in einem Altersheim begegnen.
Über das Internet wurde er auf Poetry-Slams aufmerksam, fing vor zweieinhalb Jahren an, selber Texte zu schreiben und vorzutragen. Ein bisschen hat es gedauert, bis er damit Erfolg hatte, aber mittlerweile ist er schon zwei Mal Sieger beim U 20-Wettbewerb in der Schweiz geworden. "Mir geht es gar nicht um das Gewinnen. Wichtig ist, dass ich ein gutes Gefühl habe, wenn ich auf der Bühne stehe, dass ich mit mir und meiner Darbietung zufrieden bin!"
Für seine Gedichte wird er überall inspiriert, auch von schlechten Texten. "Schlechte Texte sind Texte ohne Herz!" sagt Laurin verächtlich und es klingt, als sei dies das Schlimmste, was ein Dichter tun kann: Texte ohne Herz verfassen. Meist geht er mit seinen neuen Werken auf die Bühne, ohne diese vorher wirklich einstudiert, geprobt oder jemandem vorgetragen zu haben.
Aber genau das gefällt ihm beim Slammen: Einfach mal zu sehen, was passiert. Warum er dem Dichterwettstreit so verfallen ist? "Es ist für mich die perfekte Kombination aus Poesie und Dramatik". Dass er diese Kombination beherrscht, hat er eindeutig gezeigt.
Slam-Workshop
Am 3. und 4. August lädt Jugendpfleger Holger Bünte in Kooperation mit länge*breite zu einem Poetry-Slam-Workshop ins Holzhaus am Schulzentrum ein. Der Workshop unter Leitung von Björn Högsdal (Kiel) richtet sich an Jugendliche unter 20 Jahren und findet jeweils von 10 bis 13 und von 14 bis 17 Uhr statt. Für die Teilnahme wird ein Kostenbeitrag von 25 Euro erhoben.
Der Workshop vermittelt Kenntnisse rund um das Thema Poetry Slam. Wie erarbeite ich eigene Texte? Was macht eine gute Bühnen-Performance aus? Welche Regeln gelten für den Ablauf? Was brauche ich, um einen eigenen Poetry Slam durchzuführen? Vor allem geht es darum, an eigenen Texten zu arbeiten und diese auf die Bühne zu bringen. Anhand von Beispielen werden die verschiedenen Textgattungen vorgestellt und so die Grundlage für eigene Arbeiten gelegt.
Poetry Slam bedeutet Dichter-Kampfsport. Dazu gehören beispielsweise Comedy, Rap, rockende Lyrik und Improvisation. Poetry Slam will das Publikum schocken oder zum Lachen, Weinen und Nachdenken anregen. Im Wettbewerb hat jeder Teilnehmer fünf Minuten Zeit, seine eigenen Texte zu präsentieren.
Anmeldungen für den Workshop nimmt Jugendpfleger Holger Bünte ab sofort im Holzhaus am Schulzentrum entgegen, unter Tel. 83 62 466 oder holger.buente(at)gemeinde-sylt.de.
U20 ist die Slamliga der unter 20-Jährigen. Einmal jährlich treten die besten Poetry Slammer beim German International Poetry Slam (GIPS) gegeneinander an und ermitteln ihren Slam-Champion. Informationen auch unter www.assembleart.com.
- Links:
- Assembleart.com
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