SYLTER RUNDSCHAU

 

"Watt-Pferd" stoppt Kasernen-Abriss

01. April 2010 | 06:50 Uhr | Von Jörg Christiansen

Sylt / Schleswig. Für Dr. Martin Segschneider ist das, worüber er gestern auf dem Gelände des Fliegerhorstes regelrecht gestolpert ist, schlicht eine "europaweit einmalige archäologische Sensation". Eigentlich wollte sich der Dezernent des archäologischen Landesamtes lediglich einen Eindruck verschaffen, ob es dort weitere Gruben- oder gar Langhäuser aus der Eisenzeit geben könnte. Segschneider: "Wir haben Luftbilder, die wie schon am Keitumer Kreisel deutliche Geländespuren erkennen lassen."

Bei seinem Rundgang stieß er auf einer Rasenfläche zwischen den beiden Flugzeughallen mit dem Fuß gegen etwas Hartes, Knöchernes. "Als Archäologe habe ich natürlich sofort zu buddeln angefangen." Was er zunächst für den Schädel einer Kuh oder eines Pferdes hielt, gab Segschneider angesichts der Größe von einem halben Meter und zweier Stoß- oder Reißzähne jedoch Rätsel auf. Zumal der Schädel bereits einige hundert Jahre in der Erde gelegen haben muss und keine Ähnlichkeit mit einer noch lebenden Spezies aufweist.

Eine per Laptop eilends in die Wege geleitete Analyse der Fotos durch Experten des zoologischen Museums in Hamburg ergab unglaubliches: Der Schädel ähnelt dem einer bereits vor 50 000 Jahren ausgestorbenen Vorform des Nilpferdes, ist aber eindeutig nicht älter als eintausend Jahre. Weitere Analysen und vor allem Grabungen im Umfeld sollen nun mehr Aufschluss über das "Hippokras Gigantus Syltae" geben. Segschneider: "Wir vermuten, dass es aufgrund der Insellage nur hier überleben und sich weiterentwickeln konnte." Die Verbindung zu der vermuteten Siedlung könne zudem darauf hindeuten, dass die frühen Sylter das sowohl im Wasser wie auch an Land lebende "Watt-Pferd" gezüchtet und beim Ackerbau eingesetzt haben.

Von Land und Bund wird der Fund als so wichtig eingestuft, dass der Innenminister das Gelände um die Hallen 25 und 28 noch gestern zum Bundesgrabungsgebiet erklärte. Für vorerst drei Jahre dürfen dort keine größeren Erd- oder Bauarbeiten stattfinden, um die mit EU-Geldern finanzierten Grabungen nicht zu gefährden. "Ich gehe davon aus, dass wir es mit der wichtigsten Fundstätte seit Haithabu zu tun haben", erklärte Dr. Segschneider.

Noch heute soll ein internationales Expertenteam um Prof. Claudio Scherzo von der italienischen Universität Aprilia die Arbeit aufnehmen. Parallel wird in Kiel und Berlin geprüft, ob sich die beiden Flugzeughallen als Museum eignen, in dem man die älteste Sylter Siedlung nachbauen könnte.


 

Leserkommentare

 


Lokalausgabe wählen

 

Was suchen Sie?

z.B. "Hotel", "Software", "Müller"

Wo suchen Sie?

z.B. "Flensburg" , "Rote Str."

Wen suchen Sie?

z.B. "Hotel", "Software", "Müller"

Wo suchen Sie?

z.B. "Flensburg" , "Rote Str."

 


 

SENIOREN

 
GEZEITEN
Auf und Ab an der Küste
Hoch- und Niedrigwasser für viele Küstenorte
 
HÄUFIG GELESEN

Drei Tote bei Verkehrsunfällen im Norden

Drei Menschen sind am Donnerstag bei Verkehrsunfällen in Hamburg und Schleswig-Holstein ums Leben ...mehr

 
 


KONTAKT | IMPRESSUM | AGB | DATENSCHUTZ