SCHLESWIGER NACHRICHTEN

 

"Jeden Tag zwei Flaschen Wermut und ein Six-Pack"

04. September 2010 | Von Angela Jensen

Egernsund. Ole Hansen*, 55, aus Egernsund hat schon immer exzessiv getrunken - als Jugendlicher während der Ausbildung und als Erwachsener. Irgendwann war es Gewohnheit. "Nach durchzechter Nacht habe ich mir am Morgen erst einmal einen Kräuter-Schnaps eingeschenkt... und war wieder fit!"

Seit gut fünf Jahren ist Ole Hansen trockener Alkoholiker - nach mehr als 20 Jahren, "in denen ich ständig getrunken habe!" Anfangs nur am Wochenende und abends. Irgendwann verlangte der Körper mehr. Auf der Rückfahrt von der Arbeit kauft der Ingenieur sich manchmal bis zu zwei Flaschen Wermut und ein Sixpack Bier und trinkt das zuhause. "Mit Genuss hatte das nichts mehr zu tun. Das war reine Sucht." Er fängt an, sich selbst etwas vorzumachen: "Ich sagte mir, morgen trinkst du mal gar nichts oder nur einen Schluck. Meistens wurde eine ganze Flasche daraus." Dabei ist sein Leben geordnet: Guter Job, Frau, Kinder, Hund und eigenes Haus. Das alles zählt wenig. Der Alkohol übernimmt das Kommando über Ole Hansens Leben. Seine Ehefrau kämpft verzweifelt gegen seine Alkoholsucht und scheitert immer wieder. Hansen erinnert sich: "Ich hab’ mal ein Medikament eingenommen, das bei gleichzeitiger Alkoholeinnahme zu Übelkeit führte. Da war ich tatsächlich fast drei Monate trocken. Dann ging alles wieder von vorne los!"

Es wird immer dramatischer. Irgendwann kann Ole Hansen seine Arbeit nur noch am Vormittag erledigen und findet Vorwände, um früher nach Hause zu fahren: Er muss sein Zittern mit Alkohol "bekämpfen". Sein Arbeitgeber sieht zu und schweigt. "Vielleicht zu lange?" fragt sich Ole Hansen heute. Denn seine Alkohol-Exzesse haben für ihn keine Konsequenzen, Autofahrten unter Alkoholeinfluss bleiben unentdeckt und er findet immer Freunde, die mit ihm trinken.

"Wenn ich mir heute vorstelle, dass ich meine Töchter zum Reiten gefahren habe und eigentlich total blau war. Ich mag gar nicht daran denken, was da alles hätte passieren können!" Seine Frau habe in ständiger Angst gelebt: Kommt er heil nach Hause? Hoffentlich baut er keinen Unfall und reißt womöglich andere mit hinein! "Sie hat gelitten und für mich gelogen, wenn ich wieder halb bewusstlos im Bett lag. Sie hat mich entschuldigt, wenn ich Verabredungen nicht einhalten konnte."

Endlich bietet ihm sein Arbeitgeber Hilfe an - Gespräche beim Psychologen, der Betriebsarzt verschreibt ihm Medikamente (die er aber nicht nimmt). Wieder kommt das Übelkeit verursachende Medikament ins Spiel. Diesmal überlistet Ole Hansen sich selbst: "Ich habe es mit Alkohol eingenommen und mir eingeredet, so schlimm ist das doch gar nicht." Er trinkt weiter und immer mehr. Anfang 2005 geht gar nichts mehr. Als der Vater stirbt, fällt Hansen in ein tiefes Loch. Er kündigt seine Arbeit und ergibt sich dem Alkohol. Er steht morgens nicht mehr auf, trinkt im Bett, versackt. Selbstmordgedanken! Hansen sucht sich in der Garage schon einen Balken für den Strick aus. Er hasst sich selbst und will nicht mehr weiterleben.

Es ist seine Frau, die die Initiative ergreift und ihm einen Therapieplatz besorgt. Und Ole Hansen steht die fünf Wochen Therapie durch, hat eine Heidenangst als er wieder nach Hause kommt, will nicht in alte Muster verfallen. Ihm gelingt es tatsächlich, wie es auf Dänisch heißt, "nüchterner" (ædru) Alkoholiker zu werden. "Ich gehe regelmäßig zu den Treffen der Anonymen Alkoholiker. Die helfen mir", erklärt er und gesteht heute vor allem sich selbst ein: "Früher stand der Alkohol an erster Stelle, heute will ich nur noch nüchtern bleiben!" <UZ> * Name v. d. R. geändert</UZ>


 

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