SYLTER RUNDSCHAU

 

Sylterin wird 105 Jahre alt

"Das ist doch schon 100 Jahre her"

08. Februar 2012 | 04:50 Uhr | Von M. Steur

Renate (77) und Gunhild (70) wechseln sich mit der Betreuung ihrer Mutter Anni (105) wochenweise ab. Foto: Steur

Älteste Sylterin: Anni Grawe aus Tinnum wird heute 105 Jahre alt / 1954 zog sie mit ihrem Mann und vier Kindern auf die Nordseeinsel

Tinnum. Der Spruch, "das ist doch hundert Jahre her", bekommt, wenn man Anni Grawe gegenüber sitzt, eine ganz neue Bedeutung. Denn Anni Grawe meint es durchaus wörtlich, wenn sie von Dingen spricht, die hundert Jahre her sind. Die seit 1954 auf Sylt lebende Mutter von sechs Kindern feiert heute ihren 105. Geburtstag - und ist damit laut Meldeamtsregister die älteste Sylterin.

"Wie alt werde ich? 103?104? Ich habe den Überblick verloren", gibt sie lächelnd zu und trinkt erstmal ein Schlückchen Kaffee. "Wenn man sechs Kinder hat, so wie ich, da hat man keine Zeit krank zu werden und deshalb kann ich heute Geburtstag feiern", sagt sie. Bis vor zwei Jahren hat sie größtenteils allein in ihrem Haus in Tinnum gewohnt, ihre Töchter Renate (77) und Gunhild (70), die auf dem nahen Festland wohnen, kamen lediglich alle paar Tage mal vorbei. Seit 2010 wechseln sich die Schwestern wochenweise ab, so dass die Mutter nie allein ist. "Mir geht’s gut soweit, nur ein bisschen erkältet, ist frisch draußen", entgegnet sie auf die Frage, wie fit sie sich denn noch fühle.

Grawe, in Pritzwalk geboren, war von frühester Kindheit an selbstständig. Mit drei Jahren ist sie regelmäßig von daheim ausgebüxt, weil sie die Nachbarskinder, die allerdings ein Stück weiter weg wohnten, besuchen wollte. "Richtig böse war mir meine Mutter, als ich in ein Boot geklettert bin, das an dem Teich vor unserem Haus lag. Da war ich auch noch sehr jung." Nach dem nassen Ausflug, der natürlich damit endete, dass Anni über Bord ging, "hab ich den Hintern voll bekommen, das habe ich bis heute nicht vergessen." Genau wie die gemeinsame Gartenarbeit mit einem ihrer beiden älteren Brüder. "Ich muss vier gewesen sein, als ich meine ersten beiden Bohnenstöcke einpflanzte." Und einen davon hat der Bruder rausgerissen, angeblich weil er Ordnung im Garten schaffen wolle. "Das hab ich ihm nie verziehen. Was habe ich geheult wegen des Stocks." Alkohol war für Anni nur ein einziges Mal Thema: "Mit 16 habe ich meinem Vater eine Flasche Wein geklaut und sie getrunken. Seit dem nie wieder."

Harmonisch sei das Grawe’sche Familienleben trotz der vielen Kinder gewesen, die Anni sich übrigens schon zu Schulzeiten wünschte, erinnert sich Tochter Gunhild. "Ich weiß noch einmal, abends. Wir saßen zu acht am Tisch und plötzlich fing einer an zu lachen und dann der nächste bis alle lachten. Warum, hab ich vergessen. Wir waren auf jeden Fall eher eine lustige als eine zänkische Familie."

Siebenmal hat Anni die drei Kinder besucht, die nach Australien ausgewandert sind. "Bei unserem letzten Besuch 1992, hat eine Stewardess, meine damals 85-jährige Mutter ’Oma’ genannt, das hat ihr gar nicht gepasst", erzählt Tochter Renate lachend. "Das war doch auch unhöflich", wirft Anni, immer noch empört, ein. Treu geblieben ist Anni ihrem Lieblingsgericht: Pellkartoffeln und Salzhering. "Das war schon vor hundert Jahren so."


 

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