STORMARNER TAGEBLATT

 

Harter Weg zum guten Botschafter

10. Februar 2012 | 04:00 Uhr | Von Stefan Appelhoff

Mobiler Stand: Holzschubkarren, hier eine mit Obst gefüllt, fahren überall in Uganda.

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Ein Ahrensburger berichtet aus Uganda - Von langen Hosen, freiem Oberkörper und dem Wink mit dem Zaunpfahl / Eine Halbzeitbilanz

Stefan Appelhoff aus Ahrensburg ist nach dem Abi tur nach Uganda geflogen, um dort in einem Straßenkinderheim einen zwölfmonatigen Entwicklungsdienst auszuüben. Darüber berichtet er im Stormarner Tageblatt. Heute: Folge 6



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Sechs Monate meines Freiwilligendienstes sind vergangen, zwei Viertel sind vorrüber - Für einen Weltwärtsler wie mich bedeutet jedes Viertel der Zeit auch immer sofort: Quartalsbericht. Als man sich dazu entschieden hat, in Länder wie Uganda, Kenia oder Tansania zu gehen, hat man sich auch gleichzeitig für ein Programm entschieden, das neben Seminaren auch vier selbst zu verfassende Berichte mit verschiedenen Themen vorsieht. Das Thema meines zweiten Quartals ist zudem so spannend, dass ich nicht umhin kann, es noch weitrei chender als mit meiner Organisation zu teilen: Wie reflektiere ich mein eigenes Auftreten im Gastland? Welchen interkulturellen Herausforderungen bin ich begegnet und auf welche Missverständnisse bin ich gnadenlos hereingefallen?

Als ich aufbrach zu meinem Jahr in Uganda hatte ich mir als ein großes Ziel gesetzt, ein "guter Botschafter meines Landes" zu sein. Darunter hatte ich mir vorgestellt das Bild, das von Deutschen allgemein bei anderen Nationalitäten besteht, bunt zu malen oder anders gesagt wollte ich die Schublade, in die ein Deutscher im Ausland generell gesteckt wird, möglichst schön bauen. Weniger poetisch ausgedrückt hatte ich also den Vorsatz mit meinem Handeln zu zeigen, dass Deutschland nicht einfach ein paar Freiwillige in ferne Länder entsendet, damit diese sich auf Staatskosten ein schönes Jahr Ferien machen, sondern dass diese Freiwilligen auch Interesse am Gegenüber haben, dass sie sich in die Kultur einbringen und etwas aus ihrer eigenen Kultur mitbringen; dass sie da mithelfen, wo sie in ihren Projekten gebraucht werden und dass sie sich integrieren und so verhalten, wie man es von einem Gast erwarten darf. Hier stellte sich mir schon ganz zu Anfang meines Dienstes ein Problem, das ich nie vermutet hätte: Das Tragen von Kleidung.

Es verhält sich selbstverständlich nicht so, dass ich mit dem Tragen von Kleidung allgemein überfordert gewesen wäre - doch bei diesen Temperaturen hätte ich nicht gedacht, dass so viel Wert auf das Tragen von langen Hosen gelegt wird. Trägt ein Ugander hier kurze Hosen, wird derjenige sofort misstrauisch beäugt. Natürlich muss man auch hier differenzieren: Bei Kindern wird ein Auge zugedrückt und auch in anderen seltenen Situationen wäre das Tragen einer kurzen Hose gesellschaftsfähig; doch wenn ich selbst mit meiner kurzen Hose durch die Straßen laufe und auf die Augen derer achte, die meinen Weg kreuzen, so ist fast immer festzustellen, dass die Blicke immer zu meinen unbedeckten Schienbeinen herabgleiten. Ich muss jedoch gestehen, dass ich trotz allem nicht auf meine Bein- und Hitzefreiheit verzichten möchte.

Besonders lustig wird es, wenn ich mich innerhalb des Geländes meines Projekts mit freiem Oberkörper bewege und mein Direktor mich dann auf seine charmante Weise dazu bewegen möchte, dass ich mir mein T-Shirt hole ... weil beispielsweise Besuch kommt. Der Direktor sagt dann immer auf Englisch "Puh Stefan, es ist wirklich heiß heute!" Es hat ein bisschen gedauert, bis ich diesen verzwickten Wink mit dem Zaunpfahl deuten konnte, doch seitdem weiß ich immer, wann ich mich beeilen muss, die Form zu wahren. War es mir an diesem Beispiel noch nicht völlig offenbar geworden, dass es schwierig ist, ein "guter Botschafter seines Landes" zu sein, so zeigten mir dies die folgenden Monate bis Heute in ausreichender Form.

So war ich vor einiger Zeit auf dem Heimweg von meiner Arbeit und habe mit einem Schubkarrenfahrer, der tagsüber Früchte transportiert, gescherzt. Nach einigem freundlichen Pöbeleien habe ich ihm gesagt, er könne mich ruhig in seiner Schubkarre bis zum nächsten Taxi fahren. Kaum gesagt, saß ich in der Schubkarre und kaum am Zielort angekommen fiel mir wieder ein, dass ich im Bild fast aller Ugander der "weiße, reiche Deutsche" bin. Natürlich wollte der Schubkarrenfahrer einen geringen Lohn für die Fahrt, die er mir gegeben hatte - das Problem war nur, dass ich kein Geld mehr übrig hatte. In rasender Geschwindigkeit hatte sich eine Menschengruppe um mich und den Fahrer gebildet, denn niemand wollte mir, dem "reichen Weißen" glauben, dass ich kein Geld habe. Glücklicherweise hat mich dann ein Ugander in Schutz genommen und für mich bezahlt - ich selbst habe mich darauf hin die ganze nächste Woche über den kleinen Moment geärgert, in dem ich vergessen habe vorauszudenken.

Die Stereotype, die hier für die Menschen mit weißer Haut vorherrschen, existieren in abgewandelter Form leider auch oft für mich, wenn es um die Menschen mit schwarzer Haut geht. Es ist zu einer sehr großen Herausforderung für mich geworden, die Leute hier nicht über einen Kamm zu scheren - denn nach einem harten Tag und auf dem Weg nach Hause hat man fast immer Begegnungen mit Leuten, die einem ein fröhliches "Gib mir Geld!" hinterher-pöbeln.

Was man nach zwei solcher Rufe leider überhört ist, dass der dritte Ruf ein freundliches "Wie geht es dir?" oder ein "Hab eine gute Nacht!" ist: Als ich vor ein paar Tagen sehr genervt von persönlichen Umständen eine Straße entlang ging, war ich kurz davor, einem Motorradfahrer zu sagen, er solle mich gefälligst mit seinen Fragen nach Geld in Ruhe lassen - das bittere an der Situation war, dass er kein Geld wollte, sondern mir mein Sportzeug brachte, dass ich 200 Meter zuvor hatte fallen lassen.

Andersrum habe ich viele Menschen getroffen, die mich in guter Erinnerung behalten werden - doch was ist mit denen, die dabei waren, als ich dem Schubkarrenfahrer kein Geld gegeben habe? Wenn ich hierüber nachdenke, werde ich schnell vom Bild einer Waage heimgesucht und mein Dienst hier wird vor meinem inneren Auge zu einem Kampf zwischen dem Gewicht der Menschen, die ich beeindruckt habe und der Menschen, die ich enttäuscht habe.

Ich glaube jedoch, dass ein solches Denken eher hinderlich ist, weil es immer und überall auf der Welt Menschen gibt, die einen falsch verstehen und Missverständnisse, die durch reinen Zufall oder durch Pech entstehen. Was für mich zählen soll ist, dass ich mir Mühe gebe, auf jeden Menschen offen, tolerant und möglichst vorurteilsfrei zuzugehen - mit dem Ziel einander zu verstehen.


 

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