STORMARNER TAGEBLATT

 

"Es wird immer noch gemauert"

11. Februar 2012 | 04:10 Uhr | Von Jens Peter Meier

Das Schlusswort hielt Pastor Detlev Paschen (rechts): "Es gibt noch viel Gesprächsbedarf." Foto: meier

Viele Fragen, keine Antworten: Diskussionsrunde zum sexuellen Missbrauch in der Kirchengemeinde Ahrensburg mit 60 Teilnehmern

Ahrensburg. Noch immer bleiben viele Fragen offen zum sexuellen Missbrauch in der Kirchengemeinde Ahrensburg. Das wurde bei einer Diskussion im Kirchsaal Hagen deutlich, an der etwa 60 Teilnehmer gezählt wurden. Die Aufarbeitung der Vorwürfe geht aber voran, jedenfalls innerhalb der Gemeinde. Allerdings treten viele für ein externes Gremium ein, das die Vorwürfe weiter untersuchen sollte.

240 Fragen wurden bereits 2010 von Teilnehmern einer Diskussion in der Lagerlöf-Schule formuliert. "Sie stehen weiterhin im Raum", sagt Wolfgang Meißner, "vor allem die Pastoren sind jetzt gefragt". "Zwei Jahre lang hat niemand Verantwortung übernommen", kritisiert auch Peter Meincke. Es werde noch immer massiv gemauert, stellte eine Vertreterin des Kirchenvorstands fest: "Es ist ein mühseliger Prozess."

Die Kirchenleitung sei mit der Aufarbeitung überfordert, so Anselm Kohn vom Verein gegen Missbrauch in Ahrensburg: "Wir brauchen eine neutrale Anlaufstelle." Dafür spricht sich auch Pastorin Angelika Weißmann aus: "Nur so werden wir weiterkommen." "Ich nehme das mit den Krisenstab", verspricht Pastor Detlev Paschen. Bei verschiedenen Personen sei bereits angefragt worden, ein Auftrag sei aber noch nicht erfolgt.

Für Überraschung sorgte das Erscheinen von Pastor H., einem der Beschuldigten mit seinem Anwalt Prof. Heinz Wagner. Der weist auf die Schweigepflicht bei seelsorgerischen Gesprächen hin, auch drängten viele Eltern der Opfer weiterhin auf Schweigen. "Eine Gefahr für Zeugen besteht aber nur, wenn sie falsche Aussagen machen", sagt er, "auch in einem laufenden Verfahren können sie aber sprechen". Ihm sei Einsicht in die Akte des ebenfalls beschuldigten Pastor H. verwehrt worden, dagegen klage er jetzt. Pastor H. äußert sich nur einmal. "Ich verwehre mich dagegen, dass hier zwei ganz unterschiedliche Menschen in einen Topf geworfen werden." Er sei nie einer Frau mit Gewalt begegnet. "Es gibt eine handfeste Verleumdung und Vorverurteilung", sagt er noch. "Vorsicht", ermahnt sein Anwalt eine Teilnehmerin, die es bedauert, seinen Mandanten damals nicht angezeigt zu haben. "Wer etwas davon wusste und geschwiegen hat, ist genauso schuldig wie der Straftäter", sagt eine andere Teilnehmerin unter Beifall. "Wir laufen nicht mit einem Maulkorb herum, jeder kann mit mir reden", so Pastorin Weißmann, "aber sehr viele Dinge sind noch immer unklar". Die Gemeinde sei nicht zerrüttet, aber erschüttert. "Kommen sie doch mal zur Mahnwache und reden mit uns", fordert Meißner sie auf. "Ich bin und bleibe Vertreterin der Institution Kirche und damit ihr Gegenüber", entgegnet die Pastorin: "Sie machen das ein Stück weit gegen uns." Sie werde sich weiter für Opfer einsetzen. "Es wurde deutlich, dass wir noch viel mehr miteinander reden müssen", zieht Pastor Paschen zum Schluss Bilanz, "in einer Sprache ohne Drohungen und Angst". Viel gesunde Energie hatte auch Moderatorin Birgit Maschke gespürt. Es sei ein Skandal, dass ein beschuldigter Pastor an der Diskussion teilnehmen dürfe, sagte Anselm Kohn gestern. "So entstand eine Einschüchterungssituation, die nichts zu einem offenen Austausch beigetragen hat." Für ihn sei das eine Verteidigungsstrategie, um beim laufenden Verfahren beim Kirchengericht den reuigen Sünder zu spielen. Auch Kirchenvorstand, Pastoren und die Krisen-AG hätten gezeigt, dass sie die Lage noch nicht im Griff haben. "Aber es war ein Schritt in die richtige Richtung."


 

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