FLENSBURGER TAGEBLATT
Der Schulabschluss als realistisches Ziel
Schleswig-flensburg. Die Schürze korrekt umgebunden, den Mixer fachmännisch in der Hand und ein breites Lächeln auf den Lippen: So steht Marcel Waldhecker (15) an der Anrichte und versucht sich an dem ersten Kuchen, den er jemals gebacken hat. Mit vollem Erfolg. Und genau das ist der Grund, warum er hier ist, in der Küche des Ausbildungsverbundes Eckernförde-Schleswig (Aves). Um sich vier Tage lang auszuprobieren, Stärken zu entdecken und reinzuschnuppern in verschiedene Berufszweige.
Berufsfelderprobung heißt das Ganze, und es bildet einen wichtigen Bestandteil des "Handlungskonzeptes Schule und Arbeitswelt", das im Kreis Schleswig-Flensburg seit 2007 umgesetzt wird. Dahinter steckt ein Programm, mit dem die Jugendarbeitslosigkeit spürbar reduziert werden soll. Denn die Zahlen in diesem Bereich sind Besorgnis erregend: 11,3 Prozent der Schüler im Kreis Schleswig-Flensburg erreichen keinen Hauptschulabschluss, stehen also am Ende ihrer schulischen Laufbahn mit leeren Händen da.
Um das zu ändern, wurde das Handlungskonzept ins Leben gerufen: Kompetenzfeststellung, Berufsfeldererprobung, Coaching und Qualifizierung der Jugendlichen - jeweils unter der Prämisse der Stärkenorientierung - sollen dabei in einzelnen Bausteinen zum Ziel führen. Bis 2013 solle so die Jugendarbeitslosigkeit auf 6,5 Prozent gedrückt werden. Zur Umsetzung werden dafür im Kreis jährlich durchschnittlich 600 000 Euro aufgewandt, die aus dem Sozialfonds der EU, aus Landesmitteln und von der Agentur für Arbeit zur Verfügung gestellt werden.
"Insbesondere geht es darum, diejenigen Schüler zu unterstützen, von denen wir nicht unbedingt erwarten können, dass sie problemlos den Hauptschulabschluss erlangen", sagt Schulrätin Ursula Gern, die Mitglied der Steuergruppe des Konzeptes ist. Ebenfalls daran beteiligt sind die Agentur für Arbeit, das Jugendamt des Kreises, das Berufsbildungszentrum (BBZ), Aves und das Jugend-Aufbauwerk (JAW) Schleswig-Stadt, das zudem als koordinierender Projektträger fungiert. Teilnehmende Schulen im Kreis sind aktuell die Gemeinschaftsschule Süderbrarup, die Alexander-Behm-Schule in Tarp, die Zentralschule in Harrislee, die Gallbergschule in Schleswig und das BBZ.
"In erster Linie werden von uns Schüler aus flexiblen Übergangsphasen dieser Schulen betreut", erklärt Projektleiterin Marlies Geers vom JAW. Dahinter steckt die Möglichkeit für Schüler, die Jahrgangsstufen 8 und 9 in drei Jahren zu durchlaufen - langsames Lernen und ein möglichst hoher Praxisanteil sollen dabei zum Abschluss führen. "Mit dem Handlungskonzept Schule und Arbeitswelt werden nun noch stärker berufsorientierte Elemente eingesetzt", sagt Kay Stefan Harms, Lehrer an der Gemeinschaftsschule Süderbrarup und Kreisfachberater für Berufsorientierung. "Wir müssen das Individuum fördern, Stärken heraus arbeiten und Jugendlichen Erfolge zeigen", fügt er an.
Bei Marcel Waldhecker hat das in den letzten Tagen offensichtlich geklappt. Er war einer von über 20 Schülern der Schleswiger Gallbergschule und der Gemeinschaftsschule Süderbrarup, die an der Berufsfelderprobung bei Aves und JAW teilgenommen haben. Von der Metallwerkstatt über die Küche bis hin zum Gartenhaus konnten die Jugendlichen je zwei Tage lang zwei Berufsfelder kennenlernen. "Das ist besser als Schulunterricht, und ich habe gemerkt, dass ich mit Metall ganz gut arbeiten kann", sagt etwa Janneck Johns (16).
Um noch tiefere Einblicke in die Arbeitswelt zu bekommen, sieht das Konzept dann auch mehrere Praktika vor, die nach den Osterferien starten. Auf diesem Weg soll am Ende eine Betriebsreife aufgebaut werden, die auch bei potenziellen Arbeitgebern gut ankommt. "In erster Linie kann ein Praktikum nämlich die Eintrittskarte für einen Ausbildungsplatz sein. Durch sogenannte Klebeeffekte übernehmen die Betriebe die Jugendlichen immer öfter", sagt Barbara Westphal vom JAW. Die Sozialpädagogin hat als Coach 60 Gallbergschüler beim Projekt begleitet. Damit nimmt sie eine Schlüsselrolle ein. Ein fester Ansprechpartner für die Jugendlichen für die gesamte Teilnahmedauer sei wichtig, damit sie sich jemandem gegenüber verantwortlich fühlen, erklärt Westphal.
Bis 2013 ist die Finanzierung des Projektes gesichert. Wie es danach weitergeht, wissen die Beteiligten noch nicht. Imke Milewsky von der Agentur für Arbeit meint optimistisch: "Angesichts des Fachkräftemangels kann es sich die Gesellschaft doch gar nicht leisten, dieses Projekt auslaufen zu lassen." Und auch die ersten Ergebnisse sprechen dagegen. Die Zahl der Hauptschulabschlüsse und Übergänge ins Berufsleben ist laut Marlies Geers im Kreis "deutlich gestiegen".
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