SCHLESWIGER NACHRICHTEN
Unter Nachbarn
Behindertes Kind - allein in der Not
Treffen in der Schule: Schulleiter Peter Grunewald mit Franziska und ihrer Mutter Carolin Thomsen im Hintergrund. Foto: thöming
Flensburg. Sabine Helmke und Carolin Thomsen sind Elternvertreter an der Friholtschule in Flensburg. Die Schule betreut Kinder mit psychischen und eventuell auch physischen Behinderungen. Sabine Helmke hat davon gehört, dass die Betreuungsmöglichkeiten für behinderte Kinder und ihre Eltern in Dänemark ganz anders sind als in Deutschland.
"Ich glaube, das hängt mit den Traditionen zusammen. In Dänemark geht man davon aus, dass die Frauen arbeiten, während man sich in Deutschland mehr an das traditionelle Familienbild hält, nach dem die Mutter zuhause bleibt", sagt Sabine Helmke, Mutter des zehnjährigen Thies. Er wurde viel zu früh geboren und ist deshalb in seiner Entwicklung sehr weit zurückgeblieben.
Während eines Treffens an der Friholtschule zusammen mit Schulleiter Peter Grunewald kam eine Fülle von Missständen und Problemen zur Sprache. Die Schule hat Platz für 195 Schüler, aber nur 32 Plätze für eine Betreuung am Nachmittag.
"Das ist absurd, nachdem in Schleswig-Holstein generell der Ganztagsunterricht eingeführt wurde - bloß für behinderte Kinder nicht", so der Schulleiter. Es müsse nicht einmal Platz für sämtliche Schüler am Nachmittag geben, aber mindestens 20 Plätze fehlen an der Schule.
Direkt in die Sozialhilfe
Die Eltern sollten maximal 106 Euro im Monat für das Nachmittagsangebot in der Schule bezahlen. All diejenigen, die da keinen Platz bekommen konnten, konnten sich bisher an den Verein Lebenshilfe wenden. Dort aber wurde die Summe, die die Eltern selbst bezahlen müssen, vor zwei Jahren auf bis zu 1400 Euro angehoben. "Mein Kind ging am Nachmittag in das Lebenshilfe-Freizeitheim. Im Januar 2008 hat die Kommune plötzlich meine Einkünfte überprüft, danach wurde mir mitgeteilt, dass ich künftig 1400 Euro für einen Platz bezahlen soll. Es zeigte sich, dass viele Eltern zu viel verdienten und viele Kinder wurden sofort aus dem Freizeitheim abgemeldet", schildert Sabine Helmke, die damals alleinerziehend als Arzthelferin arbeitete. "Nun ist das Lebenshilfe-Freizeitheim im Prinzip nur für Eltern geeignet, die im Vorwege schon Leistungen nach Hartz IV beziehen", ergänzt Peter Grunewald.
Ferien sind ein Problem
Abgesehen von der Nachmittagsbetreuung gibt es ein weiteres Problem: Was ist mit der Betreuung in den Ferien?
"Wir kommen mit den sechs Wochen Sommerferien nicht klar, obwohl mein Mann und ich unseren Urlaub aufteilen", berichtet Carolin Thomsen, Mutter der 17-jährigen Franziska. Franziska ist lernbehindert ohne nähere Diagnose und kann nicht ohne Aufsicht sein.
"Wenn man feststellt, dass man ein behindertes Kind hat, muss man sich um alles selbst kümmern. Man muss herausfinden, welche Betreuungsmöglichkeiten es gibt, wie man eine Pflegestufe bekommt. Um die zu erreichen, muss man den ganzen Tag über ein detailliertes Protokoll führen. Man muss von einer Stelle zur nächsten rennen, sich die ganze Zeit rechtfertigen und um das Geld kämpfen. Viele fühlen sich überfordert", so Carolin Thomsen.
Finden Sie es doch selbst heraus
Bis zu drei Wochen im Jahr bezahlt die Krankenkasse ein Betreuungsgeld, das maximal 1472 Euro jährlich betragen darf, damit die Eltern zwischendurch einen Tag frei nehmen oder die schulfreien Tage überstehen können. Aber es ist nicht gesichert, dass die Eltern von behinderten Kindern von dieser Möglichkeit auch erfahren. "Ich habe erst erfahren, dass es dafür Geld gibt, als mein Kind schon fünf Jahre alt war", berichtet Carolin Thomsen.
Außerdem gibt es das nächste Entlastungsangebot in Lübeck oder Hamburg, wie die Schule berichtet. Und die Eltern müssen selbst diejenigen finden, die gegen Bezahlung in den Ferien auf ihr Kind aufpassen. "Es gibt Kinder mit multiplen Behinderungen, die in den Ferien in einem Pflegeheim zwischen alten Menschen untergebracht werden. Das ist ein gravierender Missstand", erzählt die Elternvertreterin Sabine Helmke.
Verkaufen Sie doch ihre Wohnung
Die Probleme werden sogar noch größer, wenn sich die Eltern für die Heimunterbringung ihres Kindes entscheiden. Dann müssen die Eltern nämlich im Prinzip alle Kosten- rund 3500 Euro im Monat- selbst tragen. "Das läuft alles nach Sozialhilfekriterien. Ich kenne eine Familie, der wurde geraten, doch ihre Wohnung zu verkaufen. Das ist ein wahrer Abgrund", erklärt Schulleiter Peter Grunewald.
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