SCHLESWIGER NACHRICHTEN
Siemen Rühaak
Obertöne im Schneidersitz
Schleswig. Er ist ein wahres Multitalent: Schauspieler Siemen Rühaak trug am Sonnabend Gedichte von Rainer Maria Rilke vor. Mit Oberton-Gesang und zu den Klängen der indischen Tambura zitierte Rühaak im Michaelis-Gemeindehaus im Stadtweg ausdrucksstark etliche Gedichte des berühmten Poeten. Rund 50 Besucher hörten zu.
"Vor lauter Lauschen und Staunen sei still, du mein tieftiefes Leben; dass du weisst, was der Wind dir will, eh noch die Birken beben." (aus Rilkes Sammlung "Mir zur Feier") Solch intensive Art, so starken Ausdruck der eigenen Person kennt man heute eigentlich schon gar nicht mehr. Höchstens noch aus TV-Reportagen, wenn ein indianischer Medizin-Mann sich in Trance singt, um die Götter nach der Zukunft zu befragen. Hier saß allerdings kein exotischer Zauberer mit Federschmuck auf der Bühne, sondern ein durch und durch europäisch aussehender Mann mittleren Alters, mit weißgrauem Haar und Vollbart. Desto intensiver, fast schon wie ein Kulturschock, das Erlebnis, als Siemen Rühaak im Oberton-Gesang sein Innerstes nach außen zu kehren schien. Und zwar mit einer Intensität, dass in den manchmal sekundenlangen Pausen zwischen Gedichtzeilen und Gesang ein Schweigen herrschte, in dem man buchstäblich eine Stecknadel hätte fallen hören können. Rühaak saß inmitten farbiger Kissen im Schneidersitz, neben sich ein riesiges Saiteninstrument aus Indien, die Tambura, und gab die Gedichte aus Rilkes Werk völlig frei wieder. "Hörst du, Geliebte, ich will mich entfalten - vielleicht will ich alles...", hieß es da, und auch "Du musst das Leben nicht verstehen, dann wird es wie ein Fest!"
Es sind tiefgründige, nicht immer leichte Sätze, die Rilke schrieb. Und Rühaak verband ihren Inhalt mit einer Mimik und Intonation, die ihresgleichen sucht. Kein Wunder: "Sein Lebensweg war geprägt von der Suche nach einem tieferen Sinn", heißt es auf der Internetseite des Schauspielers, der im Theater, Fernsehen und sogar im Kino, außerdem als Regisseur und sogar Musiker tätig war und ist.
Im Rahmen der Veranstaltung wurden in der Kirchengemeinde eine Kunstausstellung mit Rilkes "Briefen an Lou" in der Bearbeitung der Malerin Sonia Jakuschewa sowie Skulpturen des Bildhauers Jan Koblasa gezeigt.
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