SCHLESWIGER NACHRICHTEN
Bastian Sick im Interview
"Lauter Labertaschen!"
Flensburg. Bastian Sick, der Mann für alle Zwerch-Felle, geht wieder auf Tour. "Nur aus Jux und Tolleranz" heißt sein Programm - mit neuen Geschichten aus dem Irrgarten der deutschen Sprache. Auch in Flensburg will Deutschlands Sprachpfleger Nummer eins, dessen Bestseller "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod" Auftritte weltweit nach sich zog, dem Publikum die Möglichkeit eines Abends mit "gratiniertem" Spaß bieten. Sic!
Herr Sick, wie geht es Sie nach Ihren überwältigenden Erfolgen?
Bastian Sick: (lacht) Oh, danke! Ich stehe jetzt kurz vor dem Start meiner Tournee und da steigt mit jedem Tag die Aufregung. Gleichzeitig merke ich, dass ich ein leichtes Kratzen im Hals habe. Da kündigt sich vielleicht eine leichte Bronchitis an. So etwas kann ich jetzt natürlich überhaupt nicht gebrauchen.
Gehen Sie doch einfach nach der Apotheke. Da wird Sie geholfen.
Genau, da werde ich geholfen!
In Flensburg, glaube ich, sind Sie schon einmal aufgetreten.
Ich war sogar schon zweimal in Flensburg, im Deutschen Haus. Die Stadt ist nicht nur sehr schön, sondern verfügt auch über eine interessante geostrategischen Lage. Vor allem ist Flensburg von sprachlich-kulturellem Reiz, weil sich dort vier Sprachgebiete überschneiden: Hochdeutsch, Platt, Dänisch und Friesisch.
Sind Sie einer dieser Dialekte mächtig?
(kleine Pause) Meinen Sie, ob ich "eines dieser Dialekte" mächtig sei?
Nein, ich muss darauf bestehen: Einer dieser Dialekte. Wir haben es mit einem Maskulinum zu tun.
Richtig, aber der männliche Artikel "einer" wird im Genitiv zu "eines". "Mächtig sein" wird mit dem Genitiv gebraucht.
Okay, war nur ein Test.
(lacht) Na, dann ist ja alles gut. Ich bin ohne Dialekt im Ostholsteinischen aufgewachsen. Mein Vater war Grund- und Hauptschullehrer, meine Mutter Pastorentochter. Bei uns sprach man Hochdeutsch, wenn auch mit holsteinischer Einfärbung. Auch bei uns hieß es "Wurzel" und nicht "Mohrrübe", und "Trecker" statt "Traktor". Aber eben "der Motor des Treckers" und nicht etwa "dem Trecker sin Motor".
Was ist das für ein Gefühl, als Deutschlands Oberlehrer gehandelt zu werden - und macht es Sie selbst nicht auch angreifbar?
Ein hartes Los hätte ich getroffen, wenn ich tatsächlich Lehrer wäre. Statt vor einer lärmenden Klasse zu unterrichten, präsentiere ich mein Programm auf großer Bühne vor einem höchst aufgeschlossenen Publikum. Ich betätige mich gleichzeitig als Journalist, Geschichtenerzähler, Quizmaster und Sänger. Bei mir kann jeder etwas dazulernen, aber vor allem wird er gut unterhalten - es gibt viel zu lachen.
Und Sie dürfen keine Fehler machen?
Warum nicht? Ich nehme mir das gleiche Recht heraus wie alle anderen. Aber ich lerne gern hinzu.
Das ist schön. Aber gestatten Sie mir die Frage: Waren Sie als Schüler schon ein Klugscheißer?
Ich war immer ein sehr aufmerksamer Schüler und habe wunderbare Lehrer gehabt. Ich selbst habe mich schon früh für die Sprache begeistert. Kaum dass ich lesen und schreiben gelernt habe, habe ich angefangen Geschichten zu schreiben. Mit zehn Jahren habe ich meinen ersten Roman verfasst.
Donnerwetter!
Es war ein Historienroman, in dem meine Mitschüler verschiedene Rollen spielten: Könige und Königinnen, Ritter, Kammerzofen, Bösewichte. Ich las daraus in der Pause meinen Mitschülern vor. Irgendwann bekam mein Deutschlehrer Wind davon und rief mich zu sich. Ich fürchtete, er würde meine Schreibversuche als Unsinn abtun. Das Gegenteil war der Fall. Ich durfte zu Beginn jeder Stunde das jeweils jüngste Kapitel vorlesen. So bekam ich als Fünftklässler mein erstes Auditorium.
Ich wette, wenn Sie diese Geschichten heute verlegen ließen, wäre das ein blendender Erfolg.
(lacht) Nein, sie sind ziemlich haarsträubend! Aber es waren für mich die ersten Fingerübungen, meine Gehversuche auf dem literarischen Parkett.
Hatten Sie schon damals ein besonders herzliches Verhältnis zu Apostroph oder Genitiv?
Zu den Besonderheiten der deutschen Sprache hatte ich schon immer ein aufgewecktes Verhältnis. Wollte wissen, wie es funktioniert. Andere Menschen sind auf anderen Gebieten Experten, wollen erfahren, wie ein Motor arbeitet oder welches die besten Zutaten für einen Pudding sind. Ich wollte also wissen, wie man sich der Sprache am besten, am sichersten und damit auch am wirkungsvollsten bedient.
Ohne dabei in Besserwisserei abzugleiten, die unter Schülern bekanntlich recht unbeliebt ist.
Ein Besserwisser ist jemand, der anderen sein Wissen aufdrängt, der sie unterbricht und selbstgefällig korrigiert. Das ist nicht mein Stil. Ich erteile Ratschläge und suche Antworten auf Fragen, die man mir stellt.
Herr Sick, verspüren sie eigentlich körperliche Schmerzen, wenn sich jemand sprachlich vergaloppiert?
Überhaupt nicht! Dann würde ich längst auf der Pflegestation liegen! Fehler fallen mir auf und ich versuche zu erklären, wie es dazu gekommen ist. Man kann auch manchmal darüber streiten, was richtig ist: Von euerm oder eurem Vater die besten Grüße.
Dann guckt man in den Duden . . .
. . . und da steht dann: sowohl als auch. Können Sie halten wie ein Dachdecker. Der Duden hat sich schon immer nicht als normatives, sondern als deskriptives Instrument verstanden.
Machen Sie sich Sorgen, wenn sie an die heranwachsende Generation im Kontext mit Sprachkultur denken?
Es hat früher schlimme Versäumnisse im Schulunterricht gegeben. Grammatik wurde seit den 70er-Jahren stark zurückgefahren, die Post-68er-Pädagogen waren der Überzeugung, dass Regeln die freie Sprachentwicklung des jungen Menschen hemmen. Und das Auswendiglernen von Gedichten sei sowieso eine einzige Gängelei. Stattdessen ging es nur darum, die Diskussionskompetenz zu fördern. Wir sehen, was wir davon haben: lauter Labertaschen! (lacht) Um die Sprache selbst mache ich mir weniger Sorgen. Die wird so schnell nicht untergehen. Ich mache mir aber über die Veränderung der Medienlandschaft Sorgen, unter der die Sprache zu leiden hat. Die rasante Entwicklung der Medien, des Fernsehens verändert die Gesellschaft. Früher war es eine Angelegenheit von Profis: Man musste eine entsprechende Ausbildung vorweisen und Erfahrung mitbringen. Vorher wurde man nicht an wichtige Projekte gelassen. Heute soll hingegen alles bunt und knallig sein, die Redakteurinnen jung, sexy und blond, und man hat den Eindruck, sie müssen eine möglichst große Anzahl an Silben in einer Minute unterbringen können.
Apropos Labertaschen. Sind Sie schon einmal Verona Pooth, ehemals Feldbusch, begegnet?
Ich war einmal mit ihr in der Sendung von Reinhold Beckmann zu Gast.
Wie verlief Ihr Aufeinandertreffen?
Ausgesprochen fröhlich. Verona und ich haben ja nicht nur dem Dativ gemeinsam, sondern auch biografische Parallelen.
Klingt spannend.
Wir haben beide schon einmal für die Schwartauer Werke gearbeitet. Sie als Werbe-Ikone, und ich nach dem Abi am Fließband. Das fand sie richtig lustig. Jetzt gibt es ja eine Nachahmerin. Diese Blonde. Wie heißt sie noch?
Daniela Katzenberger?
Genau die! Die macht doch auch auf falsches Deutsch.
Aber sie tut es nicht bewusst machen.
Was nicht für sie spricht. Wenn das die Leitbilder der nachwachsenden Generation sind - dann prost Mahlzeit!
Karten für den Auftritt am 13. Mai im Deutschen Haus sind ab 22,90 Euro an allen bekannten Vorverkaufsstellen, beim sh:z-Ticketcenter und unter www.eventim.de erhältlich. Bastian Sick veröffentlicht auf seiner Homepage www.bastiansick.de täglich witzige Fundstücke und neue Kolumnen.
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Die deutsche Sprache habe ich erst in der Schule richtig lernen dürfen. Und einigen hervorragenden Deutschlehrerinnen habe ich es zu verdanken, dass eben diese Sprache im Wesentlichen zu meinem Lebensunterhalt beiträgt. Bei der Beschäftigung mit der deutschen Sprache habe ich aber auch feststellen müssen, dass zwei Personengruppen dem Nutzer jede Freude verleiden können: Puritaner und Besserwisser. Eine Sprache - und dies wird jeder Sprachwissenschaftler bestätigen - lebt! Sie verändert sich stetig, trennt sich von Worten und Gesetzmäßigkeiten, erfindet neue Worte und geht auch grammatikalisch neue Wege. Wenn dann ein Nutzer permanent damit konfrontiert wird, dass er etwas falsch macht, verliert er schnell die Lust an der Sprache als Medium. In der Schriftsprache sollte man so exakt wie möglich sein, damit es beim Abfassen von Verträgen, Gesetzen und anderen Schriften keine Missverständnisse gibt. In der freien Rede hingegen darf man schon einmal - wie seinerzeit Heinz Erhard - nicht ganz Herr der Fälle sein und auch ein herzlichen "Kucks' Du, Aldä" anfügen. Bitte, bitte keine Sprachenpolizei im Alltag.