FLENSBURGER TAGEBLATT

 

"Unsere Tränen haben dieselbe Farbe"

04. September 2010 | 04:20 Uhr | Von swi

Bunte Kopftücher und feine Sonntags-Sakkos: Zahlreiche türkischstämmige Mitbürger kamen in den Bürgersaal des Kreishauses.

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Schleswig. Die Frauen tragen bunte Kopftücher, die Männer haben ihre besten Sonntagsanzüge angezogen - noch eine Stunde, nachdem die Iftar-Feier begonnen hat, strömen ganze Familien in den Bürgersaal des Kreishauses, der bald bis zum letzten Platz gefüllt ist. Auf dem Flur weist ein Schild auf den Gebetsraum hin, "namaz kilimir" steht drauf. Im Bürgersaal mischen sich deutsche und türkische Satzfetzen. Und auch Landrat Bogislav-Tessen von Gerlach übt sich in interkultureller Kommunikation: "Ramadan karim", sagt er - der Ramadan ist großzügig.

Ein Blick in den Bürgersaal verrät: Die türkischen Gäste nehmen die Einladung des Landrates, gemeinsam mit ihm das traditionelle Fastenbrechen zu begehen, sehr ernst. Etwa 200 türkischstämmige Menschen aus dem Kreisgebiet sind zu dem ersten Iftar-Fest in einem öffentlichen Gebäude im Norden Deutschlands gekommen, sie haben Blumengeschenke und süße Köstlichkeiten mitgebracht. Mehrere türkische Fernsehsender haben Kamerateams geschickt und schalteten mehrfach live in den Bürgersaal, darunter "Samanyolu TV", der nach Angaben von Mustafa Kayar von der türkischen Gemeinde mit dem deutschen RTL vergleichbar ist.

Landrat Bogislav-Tessen von Gerlach fand in seiner Begrüßungsrede warme Worte für den Dialog zwischen den Kulturen, der ihm sichtlich am Herzen liegt: "Es ist ein Treffen wie unter Freunden", stellte der Landrat klar. Nach der Einladung zum Fastenbrechen im vergangenen Jahr sei es ihm eine Ehre gewesen, sich für die Gastfreundschaft zu revanchieren. Der Türkisch-Islamische Kulturverein hatte von Gerlach zum Iftar-Fest in die Schleswiger Veysel-Karani-Moschee eingeladen. Der Landrat lobte vor allem das besondere Vertrauensverhältnis, das im Kreis Schleswig-Flensburg zwischen den Angehörigen der verschiedenen Kulturen herrsche. Von Gerlach wertete es als besonderes Zeichen der Wertschätzung, dass so viele türkischstämmige Mitbürger zur Feierstunde erschienen waren - die Bemerkung konnte durchaus als Seitenhieb verstanden werden, denn Gäste ohne Migrationshintergrund waren nur vereinzelt zu sehen.

Das gemeinsame Iftar-Fest am Donnerstagabend galt auch als Auftakt für die Interkulturellen Wochen: Nach dem Erfolg im vergangenen Jahr wurde das Programm neu aufgelegt - mit einer interkulturellen Radtour für die Menschenrechte, Moscheebesuchen, Theaterstücken und einem internationalen Begegnungsfest. Auch Ömer Yilmaz, Religionsattaché der Türkei, zeigte sich von den interkulturellen Bemühungen im Kreis Schleswig-Flensburg angetan - nahm allerdings auch seine Landsleute in die Pflicht. Yilmaz beschrieb den Ramadan als "Monat der Brüderlichkeit" und forderte seine Glaubensbrüder, die teilweise länger als fünfzig Jahre in Deutschland leben, dazu auf, für ein besseres Verständnis ihrer eigenen Kultur bei den christlichen Mitbürgern zu sorgen. Die unterschiedlichen Kulturen sollten kein Hindernis sein: "Allem voran sind wir alle Menschen, unsere Tränen haben dieselbe Farbe."

Wie der interkulturelle Dialog auch funktionieren kann, zeigte wenig später Bettina Rutz. Die Pastorin aus Erfde hat nach dem Studium der Theologie ein Jahr lang in der Türkei gelebt und gearbeitet, bevor sie ihr Vikariat in Norderstedt absolvierte. Rutz zitierte ein Kirchenlied in fließendem Türkisch, in dem es auf Deutsch heißt: "Wenn das Brot, das wir teilen ,als Rose blüht, und das Wort, das wir sprechen, als Lied erklingt, dann hat Gott schon sein Haus gebaut."


 

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