SCHLESWIGER NACHRICHTEN
"Überfremdung" durch Reiterhotel?
Probeabstimmung in der Einwohnerversammlung: 21 Bürger votierten gegen die Sandkoppel-Planung. Foto: köhler (2)
Nieby. Enttäuschung stand Bürgermeisterin Renate Mielenz ins Gesicht geschrieben, als sie am Donnerstagabend im bis auf den letzten Platz besetzten Dorfgemeinschaftsraum Falshöft eine spannende Einwohnerversammlung beendete. Kurz zuvor hatten bei einem abgefragten Meinungsbild 21 Bürger gegen ein Großprojekt auf dem Areal der früheren Sandkoppel-Kaserne votiert, während nur 14 Stimmen sich für das millionenschwere Vorhaben meldeten.
Die Neinsager begründeten ihre Haltung mit der Sorge vor einer "Überfremdung": Das Ganze sei eine Nummer zu groß für die kleine Küstengemeinde Nieby. Durch den Bau des Reiter- und Naturressorts auf dem zwölf Hektar großen Geländes an der Grenze zum Vogelreservat der Geltinger Birk werde die Lebensqualität der Einwohner geschmälert, denn es stünden sich, so die Prognose, in einem Dorf mit 221 Seelen 400 auswärtige Reiterfreunde und Naturliebhaber gegenüber. Bürgermeisterin Mielenz, unterstützt von Gemeindevertretern wie Hanno Fintzen, hielt dagegen: Der Kommune drohe eine zunehmende Überalterung. "Es fehlt bei uns die Zuwanderung junger Leute", stellte sie fest. Außerdem müsse endlich eine Lösung für das "Sandkoppel-Problem" nach 17 Jahren Kulturbrache und Frust mit dem Vorbesitzer gefunden werden. In jüngster Zeit sei zudem noch vermehrt Vandalismus hinzugekommen.
Renate Mielenz ließ durchblicken, dass sie mit dem Stuttgarter Investor Joachim Bäurle und seiner an der Versammlung teilnehmenden Ehefrau Angelika einen Volltreffer gelandet habe. Hintergrund: Der Gründer der ehemals zweitgrößten deutschen Computerfilialkette namens Contech (1999 an die Mobilcom AG verkauft) will aus eigener finanzieller Kraft dieses Projekt realisieren - "ganz ohne vage Hilfe aus Amerika", wie ein Olpenitz-Kritiker anmerkte.
Das Niebyer Konzept sieht nun folgende Pläne vor: Dort, wo von 1969 bis 1995 rund 150 Marinesoldaten der Fernmeldeguppe 31 stationiert waren, soll eine Neuerschließung des Geländes vorgenommen werden. Die Diplom-Ingenieure Ulf Dallmann und Peter Franck vom Planungsbüro "IPP" aus Kiel stellten den Einwohnern das Konzept vor, das - wenn alle bauleitplanerischen Hürden übersprungen sind - als Kernpunkt das erste profilierte Reiterhotel in Schleswig-Holstein enthalten soll. Folgende so genannte "Angebotsmodule" beinhaltet dabei die Planung: ein Vier-Sterne-Hotel mit maximal 60 Zimmern, Ferienwohnungen (30 Betten) Ferienhäuser (45 Betten), ein Restaurant, einen kleinen Supermarkt, einen Reiterhof mit Boxen für 40 Pferde, sechs Dauerwohnungen im Segment "Wohnen mit Pferd", eine Reithalle plus Lager, einen 500 Quadratmeter großen Wellnessbereich sowie Spiel- und Parkplätze. Die Anlage soll ganzjährig betrieben und auch für Tagungen und Seminare geeignet sein.
Zur künftigen Infrastruktur gehört auch ein neues modernes Klärwerk und ein Regenrückhaltebecken. Nach den Worten Dallmanns muss außerhalb des Ressorts eine Weide für die 40 Pferde gesucht werden. Angepeilt wird eine Auslastung des Niebyer Reit- und Ferienzentrums von 85 000 Übernachtungen pro Jahr.
Was die Kommunalpolitiker bei diesem Modell besonders zu schätzen wissen: Bis zu 90 neue Arbeitsplätze werden in einer strukturschwachen Region geschaffen. Nicht zur Sprache kam der Umstand, dass die Kommune auf eine satte Gewerbesteuereinnahme hoffen darf.
Als ein Versammlunggast vorschlug, unverzüglich einen Bürgerentscheid zu diesem Großvorhaben in die Wege zu leiten, stellte Verwaltungschef Gerd Aloe vom Amt Geltinger Bucht klar: Zunächst müsse die Gemeindevertretung trotz der Vorbehalte von 21 Einwohnern der Planung zustimmen, danach könne ein Bürgerbegehren mit Unterschriftensammlung gegen das Projekt stattfinden.
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