SCHLESWIGER NACHRICHTEN
Kinderbetreuung
Krippenplätze: Schleswig ist Schlusslicht
Nur für 8,2 Prozent aller Kleinkinder sind Betreuungsplätze vorhanden. Kreisweit ist die Quote fast doppelt so hoch. Die Gemeinden im Flensburger Umland wie Glücksburg, Harrislee oder Handewitt liegen bei weit über 20 Prozent. Auch in Schleswigs unmittelbarer Nachbarschaft bietet inzwischen fast jeder Dorfkindergarten Krippenplätze an oder plant dies für die nähere Zukunft. Landesweit sollen 17.000 zusätzliche Plätze entstehen. Dafür stellen der Bund 136 Millionen Euro und das Land 46 Millionen Euro für Investitionen sowie 62 Millionen Euro für Betriebskosten bereit.
In Schleswig selbst existieren 20 Krippenplätze im städtischen Kindergarten am Moorkatenweg und jeweils zehn im Waldorfkindergarten und im Kinderspielzentrum Friedrichsberg - macht zusammen 40. Die Wartelisten sind lang. Fachleute gehen davon aus, dass rund ein Drittel aller Eltern ihr Kind in eine Krippe geben würden, wenn sie die Möglichkeit hätten. Wenn das zutrifft, braucht Schleswig 80 weitere Plätze, bis am 1. August 2013 der Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz in Kraft tritt. Konkret geplant ist derzeit kein einziger. Auf Nachfrage teilte die Stadtverwaltung lediglich mit, es sei vorgesehen, "bis 2013 den gesetzlichen Forderungen zu entsprechen".
Freie Träger von Kindertageseinrichtungen sagen, Schleswig zeige sich weniger kooperativ als andere Kommunen. Beispiel ADS-Grenzfriedensbund: Der Verein aus Flensburg betreibt 30 Kitas im ganzen Landesteil Schleswig. In 15 von ihnen werden bereits Kinder unter drei Jahren betreut. Geschäftsführer Ernst-Peter Rodewald hat angekündigt, dieses Angebot in den kommenden Jahren auf alle ADS-Kitas auszudehnen. Dieses Vorhaben gestaltet sich in Schleswig offenbar besonders schwierig. Christa Kerber, Kindertagesstätten-Referentin beim ADS-Grenzfriedensbund: "Man kann nicht sagen, dass die Stadtverwaltung die Schaffung von Krippenplätzen behindert, aber sie fördert sie auch nicht."
Das einzige Signal, das sie bisher aus dem Rathaus bekommen habe, sei ein Rundschreiben an alle Kita-Betreiber, in dem sich die Verwaltung allgemein nach Plänen erkundigt, Krippenplätze einzurichten. "Andere Kommunen melden sich und sagen: Lasst uns doch mal gemeinsam was planen!" Eine Erzieherin im ADS-Kindergarten in der Plessenstraße hat bereits eine Zusatzausbildung für die Betreuung von Kleinstkindern absolviert. Um aber mit der Krippe zu starten, bräuchte die Kita entweder zusätzliche Räume, oder sie müsste eine der bestehenden Regelgruppen, die schon jetzt ausgelastet sind, umwandeln. So etwas können wir nicht im luftleeren Raum planen, ohne zu wissen, welche Förderung wir von der Stadt erhalten, sagt Kerber.
Beispiel Adelby 1: Die gemeinnützige Gesellschaft betreibt mehrere Kitas in Flensburg und war mit ihren Plänen für eine Krippe mit 30 Plätzen in den Räumen des Schleswiger Berufsbildungszentrums (BBZ) schon sehr weit vorangeschritten - bis sie sich vor einigen Wochen zurückzog - entnervt von der Stadtverwaltung. Zunächst ging es ums Geld. Adelby 1 wollte, dass die Stadt Schleswig 90 Prozent der Investitionskosten übernimmt. Dieser Betrag sei in Flensburg auch geflossen, sagt Geschäftsführerin Brigitte Handler. Schleswig wollte - auf Beschluss der Ratsversammlung vom Sommer vorigen Jahres - nur 50 Prozent geben. Man hätte sich wohl auf 70 oder 75 Prozent einigen können, meinen Insider. "Aber die Gespräche mit der Verwaltung verliefen sehr zäh", sagt Handler.
Zudem wurde die Stadt sich nicht mit dem Kreis als Eigentümer der BBZ-Immobilie über die Modalitäten einig. Während nach Handlers Eindruck BBZ-Schulleiter Hans-Hermann Henken und Landrat Bogislav-Tessen von Gerlach voll hinter dem Projekt standen, habe die Stadtverwaltung sehr zurückhaltend reagiert. "Manchmal dauerte es Monate, bis wir wieder etwas von denen hörten."
Die Schleswiger Kommunalpolitik hat sich mit dem Thema bisher nur sporadisch beschäftigt. "Wir wissen, dass wir Handlungsbedarf haben", sagt zum Beispiel SPD-Fraktionschef Karsten Reimer. "Allerdings werden wir von den Bürgern nur selten auf das Problem angesprochen." Anscheinend sei die Nachfrage nach Krippenplätzen doch nicht so groß, wie man es erwartet habe.
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