"Jeden Monat fehlen 5000 Euro"
Gut 200 Kühe haben Platz im neuen Kuhstall von Familie Koberg aus Bergenhusen. Landwirt Matthias Koberg, seine Frau Silke und die Töchter Nele (9, stehend) und Annika (4) hoffen, dass sich die Investition von 200 000 Euro in Zukunft doch noch auszahlt. Foto: Windmann
Bergenhusen. Der Kranz vom Richtfest mit seinen langen bunten Schleifen ist noch nicht richtig verblasst. In gut fünf Metern Höhe hängt das Gebinde unter der Decke des Kuhstalls von Matthias Koberg, gut sichtbar in der Nähe des Eingangs. "Im letzten Januar haben wir den Bau abgeschlossen", sagt der junge Milchbauer aus Bergenhusen (36). Geräumig, hell und auf neuestem Standard präsentiert sich das erst wenige Monate alte Zuhause für seine 95 Milchkühe, gut 120 Kälber und Jungrinder. 200 000 Euro hat Koberg dafür investiert, auch um seine Zukunft und die seiner Familie zu sichern. Ein hohes Risiko, wie sich jetzt zeigt. Denn mittlerweile hat sich der Stallbau für die Kobergs zu einer schweren Last entwickelt.
Schuld sind die seit Monaten niedrigen Milchpreise. "Als wir den neuen Stall geplant haben, gab es für einen Liter Milch noch 38 Cent", erinnert sich Koberg an 2008. Damals hat er sich gemeinsam mit seinem Vater, von dem er 1998 den Hof mit seinen rund 105 Hektar Land übernommen hatte, und seiner Frau Silke (35) dazu entschieden, die große Investition zu wagen. Gleichzeitig vergrößerte er seine Herde. "Zu beidem hatte uns ein unabhängiger Berater damals geraten", sagt Koberg.
Inzwischen hat sich das Blatt gewendet. Die Milchpreise sind seit Monaten im Keller, zurzeit bekommt der Landwirt aus Bergenhusen gerade noch 20 Cent pro Liter Milch von der Meierei. Mindestens 30 Cent pro Liter brauche er, um seine laufenden Kosten einigermaßen zu decken - "angemessen wären 40 Cent". Der aktuelle Preis aber reiche hinten und vorne nicht, "und dann sitzen wir auch noch auf den Kosten für den Stallbau". Bei seiner Milchquote von 750 000 Litern pro Jahr habe der Hof zurzeit jeden Monat einen Verlust von rund 5000 Euro zu verkraften. Die 39 000 Euro Betriebsprämie von der Europäischen Union, die Koberg in diesem Jahr erhält, sind bereits eingerechnet. "Wir schöpfen momentan unsere angesparten Reserven aus, lange dauert es nicht mehr, dann müssen wir einen Kredit aufnehmen", erklärt der Landwirt.
Je Kuh müsse er rund 14 Cent pro Kilogramm erzeugter Milch investieren, sagt Koberg. Darin enthalten sind unter anderem Grundfutter, Kraftfutter, eventuell anfallende Tierarztkosten und - nicht zu vergessen - seine Arbeitskraft. "Von den übrigen sechs Cent müssen meine Familie und ich leben, und gleichzeitig müsste ich davon noch in meinen Hof investieren", rechnet der Milchbauer vor. Der Kauf eines dringend benötigten neuen Futterwagens beispielsweise sei momentan absolut nicht drin.
Dabei muss das Ehepaar Koberg auf seinem Milchviehbetrieb einen echten Fulltime-Job leisten. Morgens um 5.30 Uhr stehen die beiden im Stall und melken, gegen 19 Uhr ist Feierabend. Zusätzliche Büroarbeit muss in die noch späteren Abendstunden verlegt werden. Das alles sieben Tage die Woche. "Eigentlich sollte man meinen, dass man für über 80 Arbeitsstunden auch einen ordentlichen Lohn verlangen kann", sagt Koberg.
Statt dessen hat die Landwirtsfamilie schlaflose Nächte, jede Ausgabe muss genau geprüft werden. "Und von der Politik wird man gänzlich im Stich gelassen", klagt Matthias Koberg. Besonders die Pläne der EU, die Milchquote noch zu steigern, stoßen dem Landwirt bitter auf. "Die Quote muss runter, der Markt ist völlig übersättigt." Das Angebot an Milch zu reduzieren, hält Koberg für den besseren Weg aus der Misere. Die Pläne der Bundesregierung, Milchbauern zinsverbilligte Kredite zu gewähren, brächten hingegen nur eine Verschiebung der finanziellen Probleme. Auch der Vorschlag der Landesregierung, ältere Milchviehhalter in die Altersteilzeit zu schicken, "bringt mir als 36-Jährigem nichts". Nur wenn das Land auch die Milchquote der entsprechenden Höfe übernehme, mache dieser Schritt Sinn, so Koberg.
"Besonders enttäuscht" zeigt er sich vom Kreisbauernverband. "Der wird von uns Landwirten finanziert, und trotzdem reden sie da der Politik nur nach dem Mund und helfen uns nicht." Gemeinsam mit Kollegen überlegt Koberg nun, aus dem Verband auszutreten. Er habe sich fast damit abgefunden, auf sich allein gestellt zu sein, meint Koberg. Aber aufgeben, das könne er nicht. "Es würde mir das Herz rausreißen, wenn ich meine Tiere abgeben müsste."
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