SCHLESWIGER NACHRICHTEN

 

Nach Rückzug Jost de Jagers

Sütterlin-Waack will nochmal

09. Januar 2013 | 07:30 Uhr | Von Hannes Harding


Sabine Sütterlin-Waack gratulierte Jost de Jager am 1. Oktober unmittelbar nach Bekanntgabe des knappen Abstimmungsergebnisses. Foto: dpa

Sabine Sütterlin-Waack gratulierte Jost de Jager am 1. Oktober unmittelbar nach Bekanntgabe des knappen Abstimmungsergebnisses. Foto: dpa

Die CDU Schleswig-Flensburg muss nach dem Rückzug de Jagers die Weichen für die Bundestagswahl neu stellen. Sütterlin-Waack möchte sich erneut bewerben.

Schleswig-flensburg. Die Nachricht vom Rückzug Jost de Jagers aus der Politik schlug auch in den Kreisverbänden Schleswig-Flensburg und Flensburg ein wie eine Bombe. Die nervenaufreibende Suche nach einem Bundestagskandidaten kaum verdaut, steht der nach wie vor keinesfalls geeinte Wahlkreis 1 über Nacht wieder bei Null.

Die Verantwortlichen zwischen dänischer Grenze und Stapelholm müssen nun nicht nur mit den Kieler Kollegen gegen den landesweiten Imageschaden ankämpfen, den die schleswig-holsteinische Christdemokratie nicht zum ersten Mal erleidet. Sie müssen zudem neben der im Mai anstehenden Kommunalwahl auch erneut die Weichen für den Bundestagswahlkampf stellen. Ihnen dürfte dabei nicht ungelegen kommen, dass sich Sabine Sütterlin-Waack nach der aufgezwungenen Tortur um die Nominierung im Oktober nicht in den Schmollwinkel zurückgezogen hat. Sie erklärte sich am Dienstag bereit, ihren Hut erneut in den Ring zu werfen.

Juristin in den Startlöchern

Sie sei von dem Rückzug de Jagers vollkommen überrascht worden, sagte die 54-jährige Juristin, nachdem sie am Vorabend aus den Medien davon erfahren hatte. "Das darf doch nicht wahr sein!", beschreibt sie ihre spontane Reaktion. Anzeichen dafür habe sie in den vergangenen Tagen und Wochen nicht erkennen können. Am Dienstag bat sie sich einige Stunden Bedenkzeit aus, bevor aus der mit ihrem Ehemann gemeinsam betriebenen Anwaltskanzlei im Schleswiger Stadtweg weißer Rauch aufstieg. "Ich stehe bereit, wenn meine Partei mich nominieren will!" Dem Kreisvorstand will sie diesen Entschluss jetzt erläutern. Zumindest vom Vorsitzenden Johannes Callsen, der sich jetzt vor allem in Kiel an vorderster Front als Krisenmanager beweisen muss, kennt sie die Reaktion schon: "Der hat sich gefreut."

Der noch amtierende Bundestagsabgeordnete der Christdemokraten, Wolfgang Börnsen (70), räumt ihr nun beste Chancen auf ein glänzendes Abschneiden ein. "Wir müssen jetzt Geschlossenheit beweisen", mahnte er die CDU-Kreisverbände, die er nach wie vor für "nicht befriedet" hält, nachdem die Flensburger der bis dahin einzigen Kandidatin für den Wahlkreis kurzfristig den Landesvorsitzenden vor die Nase gesetzt hatten. Viele Christdemokraten hatten seinerzeit kritisiert, die Personalie werde ihnen nur deshalb von oben übergestülpt, um die Machtbasis des Landesvorsitzenden abzusichern. "Wenn Sabine Sütterlin-Waack jetzt ihre Bereitschaft erklärt, dann müssen die Kreisvorstände ihr 100 Prozent Unterstützung geben", sagte Börnsen am Dienstag in Berlin. Rückblickend konstatiert der erfahrene Parlamentarier, dass wohl viele Mitglieder beim Nominierungsparteitag in Tarp im Herzen Sütterlin-Waack auf dem Wahlzettel, aus Parteiräson aber de Jager gewählt haben. "Auch deshalb ist der Rückzug Jost de Jagers für die CDU im Kreis Schleswig-Flensburg ganz bitter."

"Politik ist kein Zuckerschlecken"

Den Entschluss des 47-Jährigen beurteilt er zwiegespalten. De Jager habe ihn sofort informiert, nachdem dieser über die Feiertage mit seiner Familie darüber beraten hatte. Und menschlich könne er dies nachvollziehen, so Börnsen. Denn de Jager habe permanent in der Kritik gestanden, seit er aus Loyalität zur Partei und aus der Not heraus das Amt des Landesvorsitzenden von Christian von Boetticher übernommen hatte. Gleichwohl hätte er sich von de Jager mehr Standfestigkeit gewünscht. Auch für Landesvorsitzende gelte, dass sie um ihr Amt kämpfen müssen, ebenso wie jedem Kandidaten für ein Bundestagsmandat nicht fremd sein dürfte, dass man im Wahlkampf mit einem kleinen Team als Einzelkämpfer dastehe. "Deshalb ist der Rückzug für mich politisch nicht vertretbar. Politik ist kein Zuckerschlecken - da hätte er durchgemusst."

Die Landtagsabgeordnete Heike Franzen hatte von de Jagers Demission am Montagabend aus dem Fernsehen erfahren und reagierte "schockiert und enttäuscht". Gerüchte über einen drohenden Rücktritt habe es in den vergangenen Monaten mehrfach gegeben. "Ich dachte, das wäre nach dem Landesparteitag aus der Welt gewesen", so Franzen. Jetzt allerdings sei es wenig sinnvoll, die Vergangenheit zu bemühen, es gebe vielmehr einiges zu tun. "Wir müssen jetzt Wahlkampf machen, was das Zeug hält." "Ich bedaure das zutiefst", sagte Franzens Fraktionskollegin Petra Nicolaisen zum Rücktritt de Jagers.

Ulrich Brüggemeier, Fraktionschef der CDU im Kreistag, erklärte, der Rücktritt des Landesvorsitzenden habe ihn sehr überrascht - auch weil dieser beim Landesparteitag zwar "kein tolles, aber doch ein anständiges Ergebnis" eingefahren habe. Im Hinblick auf die notwendige erneute Nominierung für die Bundestagswahlkandidatur könne er sich gut vorstellen, dass die Causa de Jager im nach wie vor entzweiten Wahlkreis "zu einem Solidarisierungseffekt führen kann". "Ich finde das sehr bedauernswert", sagte am Dienstag ein überraschter Flensburger CDU-Chef Arne Rüstemeier. "Jost de Jager hat viel für die CDU geleistet und uns eine Perspektive gegeben. Wir sollten mehr Respekt haben vor den Leuten, die für uns die Arbeit machen. Ich glaube, dass das ein schwerer Rückschlag für uns ist."


 
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