SCHLESWIGER NACHRICHTEN
Klaus Esch
Samson ist Schleswig-Holsteiner
Von 1978 bis 83 der erste Samson-Darsteller: Puppenbauer Peter Röders aus Idstedt, der für die "Sesamstraße" außerdem Herrn von Bödefeld erfand. Foto: Peters
Hamburg / Flensburg / Idstedt. Bei den Feierlichkeiten zum 40. Geburtstag der "Sesamstraße" steckt ein Schleswig-Holsteiner mitten drin: Klaus Esch, Leiter der Flensburger Theaterschule und Ensemble-Mitglied der dortigen Niederdeutschen Bühne, mischte sich gestern bei einem Jubiläums-Empfang im Rolf-Liebermann-Studio des NDR in Hamburg-Rothenbaum im Samson-Kostüm unter die geladenen Gäste. Zuvor hatte der Flensburger dort ebenfalls als großer roter Kuschelbär gemeinsam mit Ernie und Bert ein Kinderkonzert der Radiophilharmonie Hannover des NDR moderiert. Denn Esch ist derjenige, der Samson mit Abstand am längsten spielt: Seit 1991 zieht er sich das 23 Kilo schwere Kostüm der größten aller Sesamstraßen-Figuren über.
Damit setzt Esch eine schleswig-holsteinische Tradition fort: Denn auch der erste Samson-Darsteller von 1978 bis 1983 stammt aus dem nördlichsten Bundesland: Peter Röders, damals freiberuflicher Puppenspieler in Kiel, heute Puppenbauer in Idstedt bei Schleswig. Er hörte mit der Serie schließlich auf, weil er die Freiheiten im Spiel bei den Studio-Drehs als "zunehmend beschränkt" empfand - betont aber heute noch: "Es waren tolle und lehrreiche Jahre für mich." Mit Nostalgie erinnert er sich an die vielen Würstchen, die Zuschauer immer wieder schickten - weil Samson vor laufender Kamera doch immer so betonte, wie gerne er die mochte. Röders wurde sogar die Ehre zuteil, dass er für die deutsche Version der "Sesamstraße" eine einzige Figur hinzuerschaffen durfte: Herrn von Bödefeld. Alle anderen Charaktere sind als Lizenzen des amerikanischen Originals im Einsatz und werden auch ausschließlich in den USA gefertigt.
So reiste Esch ebenso wie sein Vorgänger Röders eigens zur Anprobe in die Werkstatt des legendären Kermit Love, Erfinder all der Helden aus "Sesamstraße" und "Muppetshow". In New York wurden die Details auf die jeweiligen Körper der Träger abgestimmt, dann ging es mit der maßgeschneiderten Verkleidung zurück ins Studio nach Hamburg. Esch hatte sich zuvor in einem Casting in drei Runden gegen 20 Bewerber durchgesetzt. Dass die Wahl auf ihn fiel, erklärt sich der gelernte Schauspieler und Opernsänger damit, dass er eine tiefe Stimme hat ("so ähnlich wie die von Peter Röders"), überdurchschnittlich groß ist und er bei den technischen Anforderungen besser abschnitt als andere. Die sind nicht ohne: Der Kopf der Puppe ist über dem Kopf des Spielers an einem Gestell eingehakt und muss von Hand bewegt werden. Für das Rollen mit den Augen gibt es ebenfalls einen Stab, und der Mund lässt sich auch nur per Hand öffnen. Im Kostüm hat der Schauspieler einen Monitor vor dem Gesicht. Der zeigt ihm die jeweilige Kameraeinstellung, damit Samson seine Bewegungen an die jeweilige Situation im Studio anpassen kann.
Bei Live-Auftritten wie dem gestrigen Kinderkonzert oder der Eröffnung einer "Sesamstraßen"-Ausstellung in der Berliner Kinemathek kurz vor Weihnachten gibt es dieses Hilfsmittel nicht. Weil der Samson-Darsteller nur ein bisschen durch die Nase der Puppe nach draußen gucken kann, kann es dann gefährlich werden: "Ich sehe nicht, ob direkt vor mir ein kleines Kind steht", schildert Esch. Entsprechend vorsichtig müssen die Bewegungen ausfallen. Trotzdem sind Esch solche Live-Auftritte am liebsten. "Es ist toll, die Faszination der Kinder zu erleben." Die führt der Darsteller auf den Gegensatz zwischen Samsons kindlicher Naivität und seinen riesigen Ausmaßen zurück. Esch lässt die Steppkes dann übers Fell streicheln, tanzt mit ihnen Polonäse und verwickelt sie in Gespräche ähnlich wie es verkleidete Weihnachtsmänner tun.
Dass der Flensburger die Termine außerhalb des Studios ohnehin am liebsten mag, ist ein Glück. Denn: Seit 2009 sind mit Samson keine neuen Szenen mehr gedreht worden. Wenn er seitdem auf der Mattscheibe auftauchte, waren es Aufnahmen aus der Konserve.
In der NDR-Pressestelle möchte man jedoch den Eindruck vermeiden, Samson gäbe es nicht mehr. "Er gehört derzeit nicht zum Onair-Cast", lautet die Sprachregelung. "Bei Veranstaltungen wird er weiter eingesetzt", betont "Sesamstraßen"-Regisseurin Birgit Ponten. Im Hinblick auf die Drehs spricht sie nur von einer Pause. "Wir hatten das Gefühl, dass wir uns in der jetzt magazinartigen Sendung breiter aufstellen müssen", erklärt Ponten. Im Mittelpunkt stehen jetzt ein Schaf und ein Pferd unter dem Titel "Eine Möhre für zwei" - weil sie ein solches Gewächs bewohnen. Ponten: "In diese Möhre passt Samson aus Größengründen nicht". Dennoch kündigt die Redakteurin für dieses Jahr neue Samson-Drehs an: Neuerdings wurde ein Spielhaus für das rote Monster "Elmo" erfunden, und dort könne Samson als Besuch empfangen werden.
Wenn es dazu kommt, erfüllen sich die größten Wünsche sowohl Eschs als auch Röders zum Vierzigsten: Beide hoffen inständig, dass Samson nicht völlig verschwindet. Auf Platz zwei ihrer Wünsche folgt unisono: dass es statt des jetzigen Sendetermins frühmorgens einen späteren gibt, wo mehr Zuschauer Zeit haben.
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