SCHLEI-BOTE
"Leidenschaftlicher Liebhaber des Lebens"
Schleswig. Die Besucher der Lesung am Montag, 4. Februar, im Schleswiger Oberlandesgericht werden eine Premiere erleben: Der Schriftsteller Jochen Missfeldt präsentiert sein neues Buch "Du graue Stadt am Meer - Der Dichter Theodor Storm in seinem Jahrhundert". Das Interesse an Missfeldts Lesung ist groß. Nur wenige Stunden nach Beginn des Kartenverkaufs waren alle Tickets vergriffen. Unser Redaktionsmitglied Michael Radtke sprach mit Missfeldt über Storm als Dichter und Menschen - und den Reiz einer neuen Biografie.
Herr Missfeldt, aus dem Literaturverzeichnis Ihres Buches geht hervor, dass es bereits 17 biografische Darstellungen von Storm und seiner Zeit gibt. Was hat Sie veranlasst, eine weitere Biografie zu schreiben ?
Missfeldt: Die erste wichtige Storm-Biografie erschien 1955 von Franz Stuckert. Die ist dringend überholungsbedürftig. Heute ist die Stormforschung weit vorgedrungen. Immer noch wird Neues zu Storm entdeckt, auch ich habe einige schöne Nebensachen gefunden. Mich haben aber vor allem die kritisch herausgegebenen Briefwechsel interessiert, die Storm als Verlobter und Ehemann mit seiner ersten Frau Constanze hatte. Und auch die Briefe, die Storm mit berühmten Kollegen wie Theodor Fontane und Gottfried Keller austauschte, waren mir wichtig. Zudem gibt es noch viele unveröffentlichte Originalbriefe in der Handschriftenabteilung der Landesbibliothek in Kiel oder im Storm-Zentrum in Husum. Sie sind zwar bekannt, aber ich habe in ihnen nach den mir wichtigen Aspekten gesucht. Die Stormforschung ist noch lange nicht am Ende. Es wird weitere Biografien nach meiner geben.
Worauf legen Sie bei der Darstellung von Storm und seiner Zeit besonderen Wert ?
Die Antwort steht im Untertitel meines Buches: Der Dichter TS in seinem Jahrhundert. Ich will diesen Husumer als Dichter und Menschen, Ehemann und Familienvater, Kollegen und Freund in seinem historischen Umfeld schildern. Das ergibt ein komplexes, interessantes, ja spannendes Bild - und alles vor dem Hintergrund des 19. Jahrhunderts, das mir während meiner Arbeit ganz nahe gekommen ist.
Welche Aspekte von Storms Leben und Werk machen die überregionale Bedeutung des Dichters aus ?
Seine Poesie, seine Gedichte zuerst. Storm gehört, nach Goethe, mit Heine, Eichendorff und Mörike zu den Meistersängern des 19. Jahrhunderts. Seine Gedichte haben einen "norddeutschen", einzigartigen Klang, der auch durch seine besten Novellen zieht. Die Themen Liebe und Heimat haben zwar ihren Ort in der schleswig-holsteinischen Landschaft des Dichters, sie werden aber überall begriffen. Storm wird in China, Japan, Korea, USA, England gelesen und an den dortigen Universitäten behandelt. Gottfried Benn hat bei ihm seine Wurzeln. Kafka und Thomas Mann haben diesen Dichter genau studiert und sind durch ihn weiter gekommen.
Wenn man Storm als einen "spätromantischen" Dichter bezeichnet: Welches Verständnis von "Romantik" liegt dieser Einschätzung zugrunde?
Das Urbild des romantischen deutschen Dichters ist und bleibt Eichendorff. Eichendorff, den Storm während seiner Potsdamer Zeit noch persönlich kennenlernte, war ihm mit seinen Gedichten der Stoff, aus dem die Stormschen Träume waren. Spätromantisch? Das ist die Frage. Storms wichtigste Lyrik ist nachromantisch, sie weist ganz klar in die Moderne.
Würden Sie zustimmen, wenn man Storm als einen "zwischen Politik und Literatur hin- und hergerissenen Charakter" bezeichnet ?
Storm war durch und durch Poet, er war war von Kopf bis Fuß nichts als ein poetischer Charakter. Sein poetisches Naturell riss ihn hin und her.
Was reizt Sie persönlich an der Figur des Dichters ? Welche seiner Charaktereigenschaften ist Ihnen besonders nah ?
Storm war ein treuer Freund, er war nicht nachtragend, er war ein Mensch mit großem Einfühlungsvermögen und spontaner Hilfsbereitschaft, ein leidenschaftlicher Liebhaber des Lebens und ein erstklassiger Gastgeber.
Ihr Buch überrascht und besticht durch die Fülle der in den Text eingearbeiteten Zitate. Ist diese Methode nicht besonders aufwendig?
Ja, die Methode ist aufwendig, aber ich wollte das so. Immer am Ball bleiben, zäh das Ziel verfolgen, so geht das nur. Ich wollte viel Originaltext in der Originalschreibweise in meinem Text unterbringen, ihn zu einem organischen Teil werden lassen. Das Zitat wird allein herausgehoben durch die Kursiv-Schreibweise. Dadurch erhält das Ganze eine erhöhte Authentizität, und meine Argumente, die manchmal Storm kräftig ans Leder gehen, werden besser beglaubigt.
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