FLENSBURGER TAGEBLATT
Flensburger Schwurgericht
Der Täter schrie: "Erschießt mich!"
Spurensicherung in der Süderstraße in Husum - der Bereich wurde seinerzeit großräumig abgesperrt. Foto: Bandixen
Flensburg. Sein Blick ist nachdenklich, er scheint konzentriert. Blättert in den Akten. Blaues Sweatshirt, das Haar in der Mitte gescheitelt, Lesebrille. So sitzt Jürgen E. neben seinem Verteidiger. Vor Beginn der Beweisaufnahme gibt er eine persönliche Erklärung ab. Die Stimme zittert. Die Gesichtszüge sind nicht mehr unter Kontrolle. Spätestens jetzt wird klar: Der Angeklagte ist ein gebrochener Mann.
Jürgen E. wird beschuldigt, zwischen dem 29. Juni und 1. Juli letzten Jahres seine Ex-Ehefrau (52), mit der er eine gemeinsame Tochter hat, in Husum durch mehrere Schüsse getötet zu haben. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der in Friedrichstadt aufgewachsene Mann versucht hat, die nackte Leiche in einem Kastenwagen abzutransportieren. Nachdem Zeugen die Polizei alarmiert hatten, konnte er von zwei Beamten überwältigt werden.
"Aufgewühlt nach einem emotionalen Streit"
Der Angeklagte ist geständig. Ohne Umschweife sagt er: "Ich habe sie erschossen." Die Tat habe sich Freitagnacht, am 29. Juni, ereignet. Zwei Schüsse seien gefallen. "Ich war betrunken, aufgewühlt nach einem emotionalen Streit", sagt Jürgen E.. Spricht von Selbsttötungsfantasien im Schlafzimmer des Opfers, blass und erschöpft wirkt er dabei, die Worte kommen stockend. Dann schildert er, wie es zur Eskalation kam. "Mir war unmittelbar klar, dass ich etwas Schreckliches angerichtet hatte - und auch, dass ich nichts mehr daran ändern konnte." Gleichwohl, gibt er dem Vorsitzenden zu verstehen, habe er erst nach einer Woche im Gefängnis angefangen klar zu denken.
Das Unglaubliche: Etwa 70 Stunden lang bleibt der Täter mit der Leiche in der Wohnung - mit Petra E., die einmal seine Ehefrau war und mit der er noch einen Versuch wagen wollte. Mal wieder. "Sie wollten doch renovieren, hatten schon Tapeten gekauft", sagt ein Nachbar.
Ringen um Bodenhaftung
Der Angeklagte holt aus zu einem halbstündigen Exkurs über die Vorgeschichte der Beziehung, die 1985 begann, als er seinen Zivildienst beim DRK in Hamburg ableistete. Mit der Husumerin pflegte er eine Wochenendbeziehung. Von den Heiratsplänen, die sie schnell gefasst habe, sei er quasi überrumpelt worden. Gleichwohl zog sie nach der Hochzeit nicht zu ihm nach Hamburg - eines engen Husumer Freundes wegen. E. lässt das Bild eines verliebten Paares auf dem Roskilde-Festival 1988 auferstehen, im Oktober 1989 kommt ihr Kind zur Welt. Fortan zeichnet sich ein Weg ab, der geprägt ist von Trennung, Schmerz und Versöhnung. "Sie konnten nicht ohne, aber auch nicht miteinander", bringt es ein Zeuge auf den Punkt. "Es gab Schwierigkeiten", räumt der Angeklagte ein, unschöne Szenen, die auch dem Umfeld nicht verborgen bleiben.
Im März verliert der intelligente Mann, der an der Hermann-Tast-Schule ein glänzendes Abitur hinlegte, seine letzte feste Anstellung, hält sich mit Jobs über Wasser. Sein letztes Ringen um Bodenhaftung: eine Ausbildung zum Altenpflegehelfer. Doch er trinkt Wein im Überfluss und spielt den ganzen Tag Schach. "Ich hatte den Kontakt zur Wirklichkeit verloren."
"Erschießt mich, sonst erschieße ich euch"
Ein Polizist betritt den Zeugenstand. Mit einem Kollegen war er der erste, der an den Tatort in der Süderstraße gerufen wurde. Die nackte Leiche lag auf dem Bürgersteig, Jürgen E. schritt auf die Beamten zu. "Erschießt mich, sonst erschieße ich euch", habe er gerufen. Eine kritische Situation. "Er hatte die Hände in den Hosentaschen, wir wussten nicht, ob er tatsächlich eine Waffe dabei hatte", schildert der 35-Jährige. Als er sich mit erhobener Faust bis auf zwei Meter näherte, überwältigten sie den Täter. Blut fanden sie in der gesamten Wohnung, Haarbüschel auf der Straße. "Sein Ziel war, dass wir die Waffe gegen ihn einsetzen", ist der Beamte überzeugt.
Zuvor war ein Taxifahrer, ein ausgebildeter Rettungsassistent, bei dem Versuch zu helfen, bedroht worden. "Wenn du die Frau anfasst, erschieß’ ich dich", habe Jürgen E. klar gemacht. Dabei habe er, sagte der 28-Jährige aus, seltsam ruhig und sachlich gewirkt. Gleichwohl wird bei ihm zwei Stunden nach der Festnahme 2,51 Promille Atemalkohol festgestellt.
Blutverschmiert über nackter Leiche
Und noch etwas fällt dem Taxifahrer auf: ein dunkler Wagen mit geöffneter Heckklappe, nicht weit vom Hauseingang, eine Decke im Flur. "Es sah so aus, als wenn er versuchen wollte, die Frau ins Auto zu schaffen", gibt eine 27-Jährige zu Protokoll, eine von insgesamt 13 geladenen Zeugen.
Ein Nachbar hingegen, der hinzukam, als Jürgen E. sich blutverschmiert über die leblose Frau beugte, sagt aus, dieser habe ihn mehrfach gebeten, die Leiche ins Haus zu tragen. "Das habe ich natürlich abgelehnt. Und ihm gesagt: Das muss jetzt alles seinen Gang gehen." Der Prozess vor dem Flensburger Landgericht wird am Donnerstag um 9.15 Uhr fortgesetzt.
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